Das Leben und das Schreiben: Doris Dörries „Leben, Schreiben, Atmen“
Ein Fünf-Jahres-Tagebuch hat pro Tag nur wenige Zeilen, und die Jahre stehen untereinander auf derselben Seite. Wer am 26. August schreibt, sieht mit einem Blick nach oben, was an diesem Tag ein, zwei oder drei Jahre zuvor geschah. Das kleine Format hat einen ernüchternden Nebeneffekt: An manchen Abenden fällt es schwer, überhaupt drei Sätze über die vergangenen 24 Stunden zusammenzubekommen, als hätte es den Tag gar nicht gegeben. Genau bei dieser Erfahrung setzt Doris Dörries Buch „Leben, Schreiben, Atmen“ an.
Eine Einladung statt einer Anleitung
Doris Dörrie ist vielen als Filmregisseurin bekannt, etwa durch „Männer“ oder „Kirschblüten – Hanami“, und hat daneben zahlreiche Bücher geschrieben. „Leben, Schreiben, Atmen“ erschien im August 2019 bei Diogenes, mit dem Untertitel „Eine Einladung zum Schreiben“.
Der Untertitel ist Programm. Wer schon einmal einen Ratgeber zum biografischen Schreiben in der Hand hatte, kennt die Gefahr trockener Anleitungen, die mehr über Technik als über das Leben sagen. Dörrie wählt einen anderen Weg. Sie gibt kurze Schreibanregungen und löst sie gleich selbst ein: Sie schreibt über ihre Kindheit, über große Freuden und traurige Momente, über das Leben und das Sterben. Die Autorin zeigt den Weg also nicht nur, sie geht ihn auch, Seite für Seite, und lädt die Leserinnen und Leser ein, ihr zu folgen.
Eine der Übungen fällt besonders auf. Dörrie schreibt über dieselbe Erinnerung einmal in der ersten und einmal in der dritten Person und zeigt, was dieser Wechsel mit dem Text und mit der Schreibenden macht. Aus der Ich-Form wird die dritte Person, und plötzlich wird eine Szene sichtbar, die aus der Nähe verschwommen war. Der Abstand, den die Grammatik schafft, erlaubt einen fast fremden Blick auf das eigene Kind von damals, mit mehr Nachsicht und manchmal auch mit mehr Humor.
Leben
Viele Menschen, die viel lesen, werden irgendwann gefragt, wann sie denn selbst ein Buch schreiben. Die ehrliche Antwort lautet oft: nie, das sollen die machen, die es können. Dabei schreiben die meisten ohnehin, in Briefen, Mails, Tagebüchern oder Beiträgen im Netz, und viele feilen daran länger, als sie zugeben würden. Wer viel liest, hat einen bestimmten Klang im Ohr, den er beim eigenen Schreiben wenigstens ein wenig treffen möchte.
Dörries Buch nimmt diese Scheu ernst und macht sie gleichzeitig kleiner. Um über das eigene Leben zu schreiben, braucht es kein Talent für Romane, nur die Bereitschaft, genau hinzusehen.
Schreiben
Eine Beobachtung zieht sich durch das Buch: Am Ende sind alle Geschichtenerzähler, und diese Fähigkeit, die in den Generationen davor noch selbstverständlich war, droht im Alltag verloren zu gehen. Die Eindrücke eines Tages prasseln unablässig herein, und wer sich zusätzlich freiwillig mit Neuigkeiten, Fotos und Nachrichten auf allen Kanälen versorgt, verliert leicht den Überblick über das eigene Leben.
Schreiben kann dagegen helfen, besonders das Schreiben über sich selbst. Dörrie beschreibt es schon auf den ersten Seiten als heilsam. Wer erzählt, schaut genau hin, und wer genau hinschaut, hat auch etwas zu erzählen. Manchmal braucht es neben dem Stift allerdings eine Schaufel, um freizulegen, was tief unter dem täglichen Einerlei liegt.
Atmen
Das dritte Wort des Titels führt zur Meditation, und das ist kein Zufall. Dörrie beschäftigt sich seit Langem mit Zen, und die Parallele liegt nahe: Schreiben kann ebenso erden wie bewusstes Atmen. Es holt die Schreibende in den Augenblick zurück und lässt sie dort verweilen, ohne dass sie schon wissen muss, wohin der Text führt.
Diese Verbindung macht das Buch zu mehr als einer Sammlung von Schreibübungen.
Das Leben und das Schreiben: ein Vergleich
Wer nach Büchern über das Schreiben sucht, stößt schnell auf Stephen Kings „Das Leben und das Schreiben“, im Original „On Writing“. King erzählt darin von seinem eigenen Weg zum Schriftsteller und verbindet das mit sehr praktischen Ratschlägen zum Handwerk des Erzählens. Sein Buch richtet sich an Menschen, die Geschichten für andere schreiben wollen.
Dörries Buch hat ein anderes Ziel. Es geht nicht darum, einen Roman zu vollenden, sondern darum, das eigene Leben schreibend wahrzunehmen. Beide Titel zeigen auf ihre Weise, wie eng Leben und Schreiben verbunden sind, und wer beide liest, bekommt zwei sehr unterschiedliche Antworten auf die Frage, warum Menschen überhaupt schreiben.
Für wen es sich eignet
„Leben, Schreiben, Atmen“ passt für alle, die ein Tagebuch führen oder damit beginnen wollen, für Menschen, die ihre Familiengeschichte festhalten möchten, und für Leserinnen und Leser, die sich eher als Lesende denn als Schreibende verstehen. Zum Erscheinen luden der Verlag und mehrere Bloggerinnen unter dem Hashtag #lebenschreibenatmen dazu ein, eigene Erfahrungen mit den Übungen zu teilen, und eine gemeinsame Schreibnacht bot Gelegenheit, es gleich auszuprobieren.
Ein Fünf-Jahres-Tagebuch ist übrigens ein guter Begleiter für das Buch, weil es die Übungen in eine tägliche Gewohnheit verwandelt – und weil man im dritten Jahr zum ersten Mal sieht, wie sehr sich die eigenen Einträge verändert haben.
Häufige Fragen
Worum geht es in „Leben, Schreiben, Atmen“ von Doris Dörrie?
Das Buch ist eine Einladung, über das eigene Leben zu schreiben. Doris Dörrie verbindet kurze Schreibanregungen mit eigenen Texten über ihre Kindheit, über Freude, Trauer, Liebe und Tod. Sie zeigt an sich selbst, wie das Erinnern beim Schreiben funktioniert, und ermutigt die Leserinnen und Leser, es ihr gleichzutun. Das Buch erschien 2019 im Diogenes Verlag und umfasst 288 Seiten.
Ist „Leben, Schreiben, Atmen“ ein Schreibratgeber?
Ja und nein. Es enthält viele konkrete Übungen, verzichtet aber auf die trockene Technik vieler Ratgeber zum biografischen Schreiben. Statt Regeln zu erklären, geht die Autorin mit gutem Beispiel voran und schreibt selbst zu ihren Aufgaben. Das Buch richtet sich weniger an angehende Romanautoren als an alle, die über sich selbst schreiben und dabei genauer hinschauen möchten.
Was ist der Unterschied zu Stephen Kings „Das Leben und das Schreiben“?
Stephen Kings Buch, im Original „On Writing“, verbindet eine Autobiografie mit einem handwerklichen Leitfaden für das Schreiben von Prosa, vor allem von Romanen. Doris Dörries „Leben, Schreiben, Atmen“ zielt auf etwas anderes: das Schreiben über die eigene Erinnerung, als Übung in Aufmerksamkeit und Selbsterkenntnis. Beide Bücher zeigen, wie eng Leben und Schreiben zusammenhängen, aber mit unterschiedlichem Ziel.
Warum hilft Schreiben beim Erinnern?
Wer schreibt, muss auswählen, genau hinsehen und Einzelheiten benennen, die im Kopf oft verschwimmen. Dadurch tauchen Erinnerungen auf, die im Alltag verschüttet sind. Regelmäßiges Schreiben, etwa in einem Tagebuch, schafft außerdem einen Rückblick über Monate und Jahre. Viele empfinden das Aufschreiben zudem als entlastend, weil Gedanken, die auf dem Papier stehen, weniger Raum im Kopf beanspruchen.
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