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Leben, Schreiben, Atmen

Ich habe kurz gezögert als ich von Sarah (vielen im Netz als Pinkfisch bekannt) gefragt wurde, ob ich in der Erscheinungswoche über das Buch Leben Schreiben Atmen berichten und vielmehr noch eigene Schreib-Erfahrungen mit meinen Leser*innen teilen wolle. Gezögert habe ich, weil ich mich selbst eher als Leserin und nicht als Schreiberin betrachte und außerdem schon den einen oder anderen Ratgeber zum Schreiben in der Hand hatte, der mich nicht überzeugte.

Dennoch habe ich zugesagt, vielleicht auch, weil die Beschreibung des Verlags soviel mehr versprach als eine trockene Anleitung zum biographischen Schreiben. Und was soll ich sagen, ich wurde nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil, dieses Buch hat mich ermuntert, mich auf ganz unverkniffene Art und Weise meinen Erinnerungen zu nähern. Bisweilen bedarf es da sicherlich neben dem Stift auch einer Schaufel, um manches, was sich tief unter dem täglichen Einerlei befindet, wieder freizulegen.

Ich freue mich darauf und werde – wie sieben weitere Bloggerinnen auch – unter dem Hashtag #lebenschreibenatmen von meinen Erfahrungen berichten. Zu Beginn widme ich mich den drei Worten des Titels.

Leben

In meinem Leben wurde ich schon häufig gefragt, wann ich denn mein erstes Buch schreiben würde. Für mich ist das immer eine komische Frage, denn ich fühle mich als Leserin und Vorleserin nicht mehr oder weniger qualifiziert zu schreiben als jede*r andere auch. Und auch wenn ich die Frage stets mit einem „Niemals, das überlasse ich denen, die das können!“ beantworte, so lüge ich mir doch in die eigene Tasche, denn schließlich schreibe ich schon wirklich lange. Keine Bücher, aber immerhin Blogbeiträge, an denen ich oft viel zu lange feile, vielleicht gerade weil man als Leserin einen bestimmten Klang im Ohr hat, den man als Schreiberin zumindest ein wenig treffen möchte.

Aber noch mal zurück zum Leben. Ich lebe meins nun schon eine ganze Weile, bin aber immer wieder erstaunt, wieviel Leben mir irgendwie verloren geht, als hätte es manche Tage einfach nicht gegeben. Vielleicht auch ein Grund, warum ich vor knapp drei Jahren – nach mehreren gescheiterten Anläufen – erneut mit dem Tagebuchschreiben begann. Dafür nutze ich ich ein 5-Jahres-Tagebuch mit nur wenigen Zeilen pro Tag. Die Jahre liegen dabei untereinander, so dass ich mich mit nur einem kleinen Blick nach oben auf Zeitreise begeben kann.

Schreiben

Nun, ich schreibe also Tagebuch, das ist sicherlich nichts Besonderes. Besonders ist aber der Umstand – und das stimmt mich sehr nachdenklich -, dass es Abende gibt, an denen ich mich kaum an die vergangenen 24 Stunden erinnern kann. Die Eindrücke eines Tages prasseln unablässig auf mich ein, ich selbst „mülle“ mich – und das auch noch aus freien Stücken – mit weiteren Neuigkeiten, Fotos, Small-Talk auf den unterschiedlichsten Kanälen zu. Als Computer hätte ich mich wegen Überhitzung vermutlich schon längst abgestellt. Allein zu dieser Erkenntnis zu gelangen, ist sicherlich schon hilfreich, aber wie sollte die Behandlung der „Patientin“ nun aussehen?

Schreiben kann sehr heilsam sein, vor allem das Schreiben über sich selbst, wie Doris Dörrie bereits in den ersten Zeilen ihres Buches anmerkt. Denn am Ende sind wir alle Geschichtenerzähler und sollten uns wieder auf diese wunderbare Fähigkeit besinnen, die in den Generationen vor uns noch so natürlich war. Wer erzählt, guckt genau hin, und wer genau hinguckt, hat auch was zu erzählen. Und genau hingucken hat sowieso noch nie geschadet.

Atmen

Höre ich Atmen, denke ich Meditation. Immer. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Doris Dörrie das auch irgendwie gemeint hat. Denn das Schreiben kann sicherlich ebenso erden, den Schreibenden zu sich selbst zurückführen, ihn im Augenblick verweilen lassen, so wie es das Meditieren oder das bewusste Atmen vermag.

Dörries Buch liefert für dieses besondere Schreiben zahllose Anregungen und – noch viel toller – die Autorin zeigt den Leser*innen dazu nicht nur den Weg, nein, sie läuft ihn auch mit uns. Sie legt vor, schreibt über sich selbst, ihre Kindheit, über große Freuden und traurige Momente, über das Leben und das Sterben. Dörrie schreibt in erster und dritter Person und zeigt uns, den Leser*innen und zukünftigen Schreiber*innen, was auch das, nicht nur mit dem Text, sondern auch mit dem Schreibenden selbst macht. Auf diese Übung bin ich besonders gespannt.

Doris Dörrie hat keinen Schreibratgeber in herkömmlichem Sinne geschrieben. „Leben Schreiben Atmen“ ist eher wie eine Autobiographie zu lesen, die mit äußerst passenden Schreibanregungen gespickt ist. Dabei lässt Dörrie die Leser*innen ganz nah an sich ran, schreibt quasi ihr eigenes Porträt und das auf so ehrliche Art und Weise, dass man ihr sofort nacheifern möchte.

Hinweis: Ein Exemplar des Buches wurde mir freundlicherweise vom Diogenes Verlag zur Verfügung gestellt.


Leben Schreiben Atmen von Doris Dörrie, Diogenes Verlag 2019 – 288 Seiten, 18 €
Online-Bestellmöglichkeit bei der Buchhandlung meines Vertrauens

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