Ha det bra: der Abschied, wenn Kinder ins Auslandsjahr gehen
Einen Satz aus Friedrich Schnacks Gedicht „Kleine Hand in meiner Hand“ drucken viele Eltern auf die Karte zur Geburt, ohne zu ahnen, wann sie ihn wirklich verstehen werden: „Einmal, ach! muss ich dich lassen, Kleine Hand aus meiner Hand.“ Bei der Geburt klingt das nach ferner Zukunft. Sechzehn Jahre später steht der Satz plötzlich am Bahnsteig oder am Flughafen, und das Kind, das darin gemeint war, ist längst nicht mehr klein.
Für viele Familien kommt dieser Moment mit einem Auslandsjahr. Ein Kind hat die Mittlere Reife oder den Schulabschluss der zehnten Klasse in der Tasche, eine Austauschorganisation hat eine Gastfamilie gefunden, und für rund zehn Monate verlagert sich das Leben des Jugendlichen in ein anderes Land, eine andere Sprache, einen anderen Alltag.
Was „Ha det bra“ heißt
„Ha det bra“ ist der norwegische Abschiedsgruß, den Austauschschüler in Norwegen schon am ersten Tag hören und am letzten selbst sagen. Wörtlich übersetzt heißt er „Hab es gut“. Er entspricht dem deutschen „Mach’s gut“, klingt aber wärmer, weil er einen Wunsch enthält und nicht nur eine Floskel ist. Im Schwedischen gibt es denselben Gruß, im Alltag wird er oft zu „Ha det“ verkürzt.
Beantwortet wird er meist mit denselben Worten. Wer länger bleibt, lernt schnell weitere kleine Formeln: „Vi ses“ für „Man sieht sich“, „Takk for sist“ für den Dank beim nächsten Treffen an das letzte Beisammensein. Solche Wendungen sind oft das Erste, was von einer neuen Sprache hängen bleibt, und das Letzte, was man wieder vergisst.
Warum Norwegen
Norwegen gehört zu den Ländern, in die deutsche Jugendliche für ein Schuljahr gehen, auch wenn die großen Ströme eher in englischsprachige Länder fließen. Für ein nordisches Land sprechen die Nähe, das Schulsystem und die Chance, eine Sprache zu lernen, die mit dem Deutschen verwandt ist und deshalb schneller Fortschritte erlaubt als viele andere. Nach einigen Monaten verstehen Austauschschüler oft auch Schwedisch und Dänisch in Grundzügen, weil die skandinavischen Sprachen einander nah sind.
Organisationen wie AFS vermitteln solche Aufenthalte seit Jahrzehnten. Die Jugendlichen leben in Gastfamilien, besuchen eine weiterführende Schule vor Ort und werden vor, während und nach dem Jahr begleitet. Das Programm ist bewusst auf ein ganzes Schuljahr angelegt, weil sich ein Alltag erst über die Jahreszeiten hinweg wirklich einstellt, gerade in einem Land mit so langen Winternächten und hellen Sommern.
Norwegen zwischen zwei Buchdeckeln
Wer das Land vorher ein wenig kennenlernen möchte, findet einen leichten Zugang über Bücher, die ins Deutsche übersetzt sind. Jostein Gaarders „Sofies Welt“ hat Generationen von Jugendlichen die Philosophiegeschichte nähergebracht und spielt ganz selbstverständlich in einem norwegischen Alltag. Maria Parrs Kinderroman „Waffelherzen“ erzählt von zwei Kindern in einem kleinen Küstendorf und ist auch für Erwachsene eine schöne Einstimmung auf Fjorde, Fähren und lange Sommerabende. Solche Lektüre ersetzt keinen Sprachkurs, aber sie gibt dem Ort, an den das eigene Kind geht, schon vorher ein Gesicht. Und wer dasselbe Buch später in der norwegischen Originalausgabe im Regal der Gastfamilie entdeckt, hat gleich ein erstes Gesprächsthema.
Was Eltern vorher lesen und was trotzdem überrascht
Eltern bereiten sich auf fast alles vor. Auf die Geburt mit Ratgebern, auf den ersten Kindergartentag mit Gesprächen, auf die Einschulung mit Listen. Und doch erzählen viele im Rückblick dasselbe: Kein Buch hat sie auf den Moment vorbereitet, in dem das erste Kind in den Armen lag, und keines auf den Abschied am Gate.
Das liegt nicht an schlechten Ratgebern. Es liegt daran, dass sich Verantwortung und Zuneigung nicht vorab lesen lassen. Mit einem Kind verschieben sich die Gewichte, und was vorher dringend wirkte, wird nebensächlich. Mit einem Kind, das auszieht, verschieben sie sich noch einmal. Die erste Nachricht aus der Gastfamilie wird wichtiger als jeder Termin im Kalender.
Zurück bleibt eine Familie, die sich neu sortieren muss.
Geschwister bekommen ein Zimmer mehr oder eine Rolle mehr, am Esstisch fehlt ein Platz, und der Ton im Haus ändert sich. Viele Familien beschreiben die ersten Wochen als seltsam still und die folgenden Monate als überraschend lehrreich, auch für die, die zu Hause geblieben sind.
Wer zurückkommt
Austauschorganisationen sagen es den Eltern vorher, und es stimmt meistens: Zurück kommt nicht das Kind, das abgereist ist. Nach zehn Monaten in einer anderen Familie, einer anderen Schule und einer anderen Sprache kehrt ein junger Mensch zurück, der sich selbst zu helfen weiß und manches an der eigenen Herkunft mit fremdem Blick sieht. In den ersten Tagen nach der Rückkehr fehlt manchmal sogar ein deutsches Wort, und ein norwegisches springt ein. Für Eltern ist das die eigentliche Pointe des Schnack-Gedichts: Das Loslassen ist schmerzhaft, aber es ist auch der Beweis, dass die Begleitung davor funktioniert hat.
Eine praktische Frage stellt sich trotzdem jedes Mal neu, und keine Organisation kann sie für eine Familie beantworten: Wie oft ruft man eigentlich an, ohne dass es zu oft ist?
Häufige Fragen
Was bedeutet „Ha det bra“?
„Ha det bra“ ist ein norwegischer und auch schwedischer Abschiedsgruß. Wörtlich bedeutet er „Hab es gut“, sinngemäß entspricht er dem deutschen „Mach's gut“ oder „Lass es dir gut gehen“. Die Kurzform „Ha det“ ist im Alltag ebenfalls verbreitet, etwa unter Freunden oder am Telefon. Der Gruß passt zu jeder Art von Abschied, vom kurzen Tschüss bis zum Lebewohl vor einer längeren Trennung.
Wie antwortet man auf „Ha det bra“?
Am einfachsten mit denselben Worten: „Ha det bra!“ oder kurz „Ha det!“. Wer sich zusätzlich bedanken möchte, sagt „Takk, i like måte“, also „Danke, gleichfalls“. Bei einem Wiedersehen in absehbarer Zeit ist auch „Vi ses“ üblich, was „Man sieht sich“ bedeutet. Norwegerinnen und Norweger freuen sich in der Regel, wenn Besucher solche kleinen Formeln verwenden.
Wie läuft ein Schuljahr mit AFS in Norwegen ab?
AFS ist eine gemeinnützige Austauschorganisation, die Jugendliche für ein Schuljahr in Gastfamilien vermittelt. Die Austauschschüler wohnen in einer norwegischen Familie und besuchen dort eine weiterführende Schule. Ein solcher Aufenthalt dauert in der Regel etwa zehn Monate. Vorbereitungsseminare vor der Abreise und Betreuung vor Ort gehören zum Programm. Die aktuellen Bedingungen, Termine und Kosten veröffentlicht AFS auf seiner Website.
Von wem stammt das Gedicht „Kleine Hand in meiner Hand“?
Das Gedicht „Kleine Hand in meiner Hand“ stammt von dem Dichter Friedrich Schnack. In drei kurzen Strophen beschreibt es ein Kind, das an der Hand eines Erwachsenen geht, und den Moment, der in jeder dieser Beziehungen irgendwann kommt: den, an dem das Kind allein weitergeht. Wegen dieses Bildes wird es gern auf Geburtskarten gedruckt und bei Abschieden zitiert.
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