Anlesen: Was die ersten 60 Seiten verraten – neun Jugendromane im Test
Seite 68, Kapitelanfang „Ein Furz im Universum“: Genau an dieser Stelle musste der Jugendroman „Alles dreht sich“ in einer Anleseprobe liegen bleiben, weil das nächste Buch schon wartete. Zwölf Rezensionsexemplare, die bald an junge Leser einer Jugendredaktion weitergehen sollten, lagen auf dem Stapel, und ein Wochenende stand zur Verfügung. Von jedem Buch wurden deshalb nur etwa 50 bis 60 Seiten gelesen.
Die Kritik an so einem Vorgehen liegt nahe: Bücher, die man nur anliest, beurteilt man nicht fair. Das stimmt, wenn das Anlesen ein Urteil über das ganze Buch sein will. Als Sichtung aber ist es ein nützliches Werkzeug, gerade für Menschen, die aus vielen Neuerscheinungen auswählen müssen. Buchhändlerinnen, Bibliothekare, Jurys und Redaktionen tun im Grunde nichts anderes.
Was 60 Seiten zeigen
Nach rund 60 Seiten ist die Sprache eines Buchs erkennbar, die Erzählperspektive meist geklärt und die Grundspannung angelegt. Der Rest bleibt offen, und genau darin liegt der Reiz. Die folgenden Eindrücke zeigen, was ein Einstieg leisten kann und wo er ins Stocken gerät.
Zwei praktische Regeln haben sich dabei bewährt. Aufhören möglichst an einem Kapitelende, nicht mitten in einer Szene, damit der Eindruck nicht von einem zufälligen Schnitt verzerrt wird. Und die wichtigsten Beobachtungen sofort notieren, in zwei, drei Sätzen, bevor das nächste Buch den Kopf besetzt. Nach dem zwölften Einstieg verschwimmen die ersten sonst erstaunlich schnell.
Dystopien und Zukunftsthriller
„Selection“ von Kiera Cass zieht schon nach vier Kapiteln in die Welt von Illeá hinein, einem Staat mit Provinzen und festen Kasten. Die Heldin America steht zwischen ihrem Jugendfreund Aspen und Prinz Maxon, und die Frage, wie es ihr im Palast ergehen wird, trägt über jede Kapitelgrenze. Das Motiv der Kasten und der Auswahl erinnert an die „Tribute von Panem“, was Leserinnen jener Reihe wohl eher anlockt als abschreckt.
Noch schwerer wegzulegen war „Die Scanner“ von Robert M. Sonntag. Das schmale Buch entwirft eine Welt im Jahr 2035, in der gedruckte Bücher gescannt und aus dem Alltag verdrängt sind und kaum jemand Text noch spannend findet. Für Buchliebhaber ist das eine unbequeme Vorstellung, für einen Zukunftsthriller ein starker Einstieg. Hier hielt die Disziplin des Anlesens nicht: Das Buch wurde zu Ende gelesen.
Spannung aus dem Alltag
Katja Brandis beginnt „Und keiner wird dich kennen“ mit einer harten Entscheidung. Maja, Lila und Elias müssen unter neuer Identität ein neues Leben anfangen, von heute auf morgen, ohne Wohnung, Job, Familie und Freund. Dass Maja ihren Freund nicht einfach vergessen wird, verrät schon der Klappentext. Nach 65 Seiten ist die Spannung so hoch, dass das Weglegen schwerfällt.
„Alles dreht sich“, erschienen bei Carlsen im Programm Chicken House, erzählt dagegen von Krankheit und Sterben. Max und Linda schreiben eine Liste der Dinge, die sie noch erleben wollen. Die Kapitel wechseln die Perspektive, was anfangs einen Moment Orientierung verlangt, dann aber gut funktioniert.
Magie, Fabel und alte Häuser
„Zurück nach Hollyhill“ von Alexandra Pilz fällt zuerst durch sein Cover auf und hält, was es verspricht. Die 17-jährige Emily gerät in ein Dorf, das auf keiner Karte steht und dessen eigenwillige Bewohner sie offenbar kennen. Das Kapitel um Seite 66 endet mit einem Paukenschlag.
„Der 13. Gast“ aus dem Fischer Verlag überzeugte in den ersten 70 Seiten weniger. Die Beschreibungen sind mit Adjektiven überladen, die Spannung stellt sich nur zögerlich ein. Bei 440 Seiten bleibt allerdings genug Raum, um noch Fahrt aufzunehmen.
„Pandämonium“ von Andrew Prentice, der erste Band der Reihe „Die schwarzen Künste“, beginnt im London des späten 16. Jahrhunderts mit dem Taschendieb Jack. Cover und Klappentext kündigen an, dass es bald magisch wird, und kurz vor Kapitel 7 beginnt sich genau das zu entfalten. Die Jugendlichen der Redaktion hatten sich das Buch ausdrücklich gewünscht.
Ali Shaws „Der Mann, der den Regen träumt“ nennt sich eine Fabel über die Liebe. Elsa verlässt nach mehreren Schicksalsschlägen New York und zieht in das einsame Örtchen Thunderstown. Die Landschaft ist anschaulich beschrieben, doch die Vergleiche mit „wie“ häufen sich auf wenigen Seiten auffällig. Ein Buch, das trotzdem zum Weiterlesen einlädt.
Das Buch, bei dem das Anlesen scheiterte
Am deutlichsten zeigte sich die Grenze der Methode bei Jacqueline Kellys „Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen“. Texas am Ende des 19. Jahrhunderts, die Sklaverei ist noch nicht lange abgeschafft, und von der zwölfjährigen Calpurnia wird erwartet, dass sie Klavier spielt, stickt, kocht und später heiratet. Sie aber beobachtet Tiere, liest Darwins „Über die Entstehung der Arten“ und findet in ihrem Großvater einen Verbündeten. Nach wenigen Seiten ist klar, dass dieses Buch nicht nach 60 Seiten zurück auf den Stapel geht.
Anlesen ist also ein Filter, kein Urteil.
Wie die jungen Leser der Redaktion die neun Bücher später bewerteten, und ob ihre Rangfolge dem Eindruck der ersten Seiten entsprach, ist die eigentlich spannende Frage. Vielleicht findet sich unter den Titeln, die Sie selbst einmal nach dem ersten Kapitel beiseitegelegt haben, auch einer, der einen zweiten Anlauf verdient.
Häufige Fragen
Was bedeutet „anlesen“?
Anlesen heißt, ein Buch nur ein Stück weit zu lesen, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen, ohne es gleich vollständig zu lesen. Wie viel das ist, hängt vom Zweck ab: Mancher liest nur die erste Seite, andere ein oder mehrere Kapitel. Für eine belastbare Einschätzung von Sprache, Erzählperspektive und Spannung haben sich rund 50 bis 60 Seiten bewährt, bei dickeren Romanen auch etwas mehr.
Ist es unfair, ein Buch nur anzulesen und dann wegzulegen?
Nicht, solange das Urteil entsprechend vorsichtig bleibt. Wer anliest, beurteilt den Einstieg, nicht das ganze Buch. Manche Romane brauchen Zeit, bis die Handlung Fahrt aufnimmt, und ein zäher Anfang sagt wenig über ein starkes Ende. Als Sichtungsmethode ist Anlesen aber sinnvoll, etwa wenn aus vielen Neuerscheinungen ausgewählt werden muss, welche vertieft gelesen oder weitergegeben werden.
Woran erkennt man beim Anlesen, ob sich ein Buch lohnt?
Aufschlussreich sind vor allem drei Dinge: ob die Sprache trägt oder durch Stilmittel wie gehäufte Adjektive und Vergleiche ermüdet, ob die Erzählperspektive klar wird und ob nach etwa einem Drittel des Anlesepensums eine Frage aufgeworfen ist, deren Antwort interessiert. Ein gutes Zeichen ist schlicht, wenn das Weglegen schwerfällt. Wer beim nächsten Buch noch an das vorige denkt, hat eine Antwort.
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