Alle Artikel mit dem Schlagwort: Tacheles

Leben und leben lassen

Gestern ließ mich ein Blogbeitrag verstört zurück. Wobei „verstört“ nicht der richtige Ausdruck ist, eigentlich fühlte ich mich zugleich angewidert, abgestoßen und bis ins Mark erschüttert. Es handelte sich dabei um einen sexistischen, frauenverachtenden Beitrag, der vor Häme und Hass nur so triefte, und den ich hier nicht verlinke, denn jeder Klick für diesen Schreiber wäre einer zuviel. Dieser Hass im Netz würde mich krank machen. Würde, denn immer wenn ich denke, dass es kaum schlimmer kommen kann, dann tun sich Menschen zusammen und stellen sich solidarisch an die Seite des Betroffenen, lassen ihn nicht allein, stärken ihm den Rücken. Sicherlich das Netz macht uns angreifbar, aber die dortige Gemeinschaft (und ja, die gibt es!) macht uns auch stark. Dennoch wünschte ich mir gruppenübergreifend mehr Kommunikation, zumindest mit denjenigen, bei denen Hopfen und Malz noch nicht verloren ist. (Der Schreiber oben gehört vermutlich nicht dazu.) Wir schmoren alle zu sehr in unserem eigenen Saft, für viele von uns gibt es nur noch Schwarz oder Weiß, die eigene Meinung und die der anderen. Es geht mir …

Ein offener Brief

Liebe Frau Merkel, liebe Frau Kraft, lieber Herr Kurzbach, Sie kennen mich nicht, aber diejenigen, die mich kennen, wissen, dass ich ein durch und durch positiver Mensch bin, ein „Kopf hoch“-Typ von der Sorte „Das schaffen wir!“. Doch heute beschleicht mich das erste Mal ein klammes Gefühl, es kriecht mir den Rücken rauf, will von mir Besitz ergreifen. Ich bin nicht vorbereitet, hatte nicht erwartet, dass Angst bei mir eine Chance haben könnte. Wie konnte es dazu kommen? Schließlich bin ich doch von offenen, hilfsbereiten Menschen, die sich in diesen herausfordernden Zeiten mit all ihrer Kraft für ein buntes, weltoffenes Deutschland einsetzen, umgeben. Wieso also erstmals diese kalte Hand auf meiner Schulter? Da ist sicher zum einen der ungläubige Blick nach Brüssel. Ich bin zutiefst schockiert von einem Europa, dem es zwar 70 Jahre nach Kriegsende besser geht denn je, das aber seine Menschlichkeit in diesen Jahrzehnten verloren zu haben scheint und anstatt gemeinsam zu handeln, Zäune errichtet. Da wird der vielbeschworene europäische Gedanke innerhalb kürzester Zeit zur Farce. Die europäische Politik taumelt und die …

#bloggerfuerfluechtlinge gibt Hoffnung. Auch mir.

Ich bin ein von Grund auf fröhlicher und optimistischer Mensch. Meine Gläser sind immer halb voll und Veränderungen sehe ich immer auch als Herausforderungen. Doch angesichts brennender Flüchtlingsheime, schweigender Politiker und konfuser Flüchtlingshilfe geriet auch mein Optimismus ins Wanken. Daher erschien die Intitiative  #bloggerfuerfluechtlinge, die von Paul Huizing, Nico Lumma, Stevan Paul  und Karla Paul ins Leben gerufen wurde, wie ein Wink des Schicksals. Was also eigentlich als Aktion in Berlin startete (Den ursprünglichen Hintergrund der Initiative muss ich hier nicht weiter erläutern, den könnt ihr in den verlinkten Beiträgen nachlesen.), nimmt dank guter Vernetzung der vier Blogger nur wenige Tage später Fahrt in ganz Deutschland auf. Egal worüber du bloggst oder ob du überhaupt bloggst, jeder kann im Netz mit dem Hashtag #bloggerfuerfluechtlinge eine klare Position gegen Fremdenfeindlichkeit beziehen. Gleichzeitig können Blogger jeder Couleur auf ihre Blogbeiträge zum Thema aufmerksam machen, sich besser vernetzen, Hilfe besser koordiniert werden. Verschiedene Header und Logos wurden von Desi und Béa entworfen und stehen hier zum Download bereit. Wer sie im Sinne von #bloggerfuerfluechtlinge nutzen möchte, dem geben …

Bis keine Träne mehr übrig war …

Ich habe geweint. Hemmungslos. Bis keine Träne mehr übrig war. Ich war immer schon recht nah am Wasser gebaut, aber gestern brachen irgendwie alle Dämme. Auslöser war der Film „The good lie“ über die „Lost Boys of Sudan„. Kaum zehn Minuten des Films waren vergangen, da waren ganze Familien ausgelöscht und eine Gruppe von sudanesischen Kindern auf der Flucht, die sie über 1.000 Kilometer zu Fuß und ohne Schuhe in ein kenianisches Flüchtlingslager führte. Dort lebten sie und  Tausende andere 13! Jahre lang bis sie in die USA ausreisen durften. Die Geschichte von Abital, Jeremiah, Mamere und Paul hat mich tief getroffen, zum einen sicherlich weil auch heute noch über 100.000 Flüchtlinge im kenianischen Flüchtlingslager Kakuma leben, zum anderen aber, weil wir einfach nur Ort und Zeit austauschen müssen, um im Hier und Jetzt ähnliche Zustände und Hoffnungslosigkeit in syrischen Flüchtlingslagern anzutreffen. Erst heute hat der 24-jährige Hubertus Koch in einer erschütternden Reportage darüber berichtet. Und was machen wir, wenn Flüchtlinge es schließlich doch raus aus dem Lager in deutsche Unterkünfte schaffen? Heißen wir sie …

Wie ich neulich (fast) vergaß, dass es nicht nur Schwarz und Weiß gibt

Ich halte mich für einen toleranten und aufgeschlossenen Menschen, für jemanden, dem Schubladendenken zuwider ist, der weiß, dass es zwischen Schwarz und Weiß eben noch viele andere Grautöne gibt. Nichts desto trotz gelangte ich heute morgen zu folgender Erkenntnis: Ich habe gestern bei FB viel über Vorurteile gelernt und auch meine eigenen entdeckt. Eine wichtige Erkenntnis. — Stefanie Leo (@Buecherkinder) August 7, 2015 Wie es dazu kam, ist schnell erklärt. In den Tagesthemen vom 5. August bezog Anja Reschke vom NDR im Kommentar klar Stellung zur Hetze gegen Ausländer im Internet und ermahnte die Zuschauer, den Mund aufzumachen und Haltung zu zeigen.   Wie über 200.000 andere auch teilte ich das Video auf meinen diversen Social Media Kanälen, öffentlich selbstverständlich, erhielt viele Klicks, Likes, das Video wurde weiter geteilt. Doch irgendwann ereilte auch mich die erste Stammtischparole – „Bin mal gespannt was sie sagt sobald ihr Job ein Zugewanderter kriegt und ihre Kinder keine Stelle weil es andere viel billiger tun…“ -,  die ich zunächst einfach ignorieren wollte, aber genau das wäre das Gegenteil gewesen …