Alle Artikel mit dem Schlagwort: Buchtipp

Marianengraben

Der Marianengraben. Die tiefste Stelle des Weltmeeres. Elftausend Meter tief. Dort unten vollkommene Dunkelheit. Diese Dunkelheit begleitet die Biologin Paula nun schon zwei Jahre lang. Nach dem Tod ihres 10-jährigen Bruders Tim ist der Marianengraben zum Inbegriff ihrer Trauer geworden, die Zahl 11000 steht für die Tiefe ihrer Depression und ist zugleich Überschrift des ersten Kapitels. Was nun folgt ist alles andere als eine schwermütige Geschichte. Ganz im Gegenteil, Jasmin Schreiber gelingt ein schriftstellerisch brillanter Spagat zwischen zutiefst gefühlter Trauer und herrlicher Situationskomik, die weder albern noch deplatziert wirkt. Nach 25 gelesenen Seiten beschert mir das skurrile Zusammentreffen von Paula, dem schrulligen Helmut und einer Urne auf dem nächtlichen Friedhof die ersten Lachtränen und setzt zugleich den Startpunkt für eine ganz besonderen Reise, auf der das ungewöhnliche Duo Asche verstreut und Trauer bewältigt. Ich lese mich durch weitere lustige und tieftraurige Momente, erlebe wie Paula Seite für Seite aus dem Marianengraben auftaucht und die Zahlen der Kapitel-Überschriften immer kleiner werden. Lediglich einen Satz im Buch habe ich mir markiert, obwohl sicherlich vieles markierenswert gewesen wäre. …

Je tiefer das Wasser

Nach dem Lesen des Klappentextes erwartete ich eine durchaus komplizierte Familiengeschichte, die sich im Verlauf des Buches sicherlich zum Positiven hin wenden würde. Weit gefehlt. Als ich das Buch beendete und schloss, wanderte mein Blick erneut auf den Klappentext und mir wurde klar, dass man beim Versuch, in nur wenigen Sätzen den Inhalt dieses Buches, die Besonderheit seiner Geschichte zu beschreiben, nur scheitern konnte. Ein Versuch Katya Apekinas Debüt ist ein geschickt aufgebauter Roman, in dem neben den Haupterzählerinnen, den Schwestern Edith und Mae, multiple Ich-Erzähler zu Wort kommen. Diese werfen nicht nur aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, sondern auch zu unterschiedlichsten Zeiten einen Blick aufs Geschehen. So erzählt Edith die Geschichte im Präsens, beginnend mit dem Zeitpunkt als sie und die jüngere Schwester Mae nach dem Suizidversuch der Mutter beim berühmten Vater in New York einziehen. Mae hingegen berichtet in der Vergangenheitsform. Zwar setzt ihre Erzählung etwa zeitgleich mit Ediths ein, doch schnell wird klar, dass sie mit dem Wissen um zukünftige Ereignisse eher rückblickend über das Geschehen spricht. Was fehlt Im Original lautet der Titel des Buches „The …

Dear Oxbridge

Dear Nele, liebe Nele, deinen Liebesbrief an England habe ich gestern beendet und überlege seitdem, wie ich meiner großen Begeisterung für dein Buch Ausdruck verleihen soll. Da kam mir die Idee, dies in Briefform zu tun. In diesem Brief werde ich dich duzen, schon alleine deswegen, weil im Englischen zwischen „Sie“ und „du“ bekanntlich nicht unterschieden wird und genau das, wie du in deinem Buch erwähnst, Nähe schafft. Vielleicht interessiert es dich ja, wie es überhaupt dazu kam, dass ich nach deinem Werk griff. Tatsächlich bist du mir mit deinem klugen und kurzweiligen Artikel in der ZEIT aufgefallen, der kurz vor dem nun wirklich stattfindenden Brexit erschien. Seit die Briten sich im Juni 2016 gegen den Verbleib in der EU entschieden, war dein Text „Die widerspenstige Insel“ der erste, bei dem ich das Gefühl hatte, zu verstehen, warum die Engländer uns verlassen, obwohl sie doch eigentlich nur der eigenen Elite einen Denkzettel verpassen wollen. Da war also endlich mal jemand, der mir die ganze Sache verständlich erklärte, jemand, der nicht klug mit reichlich Quellenangaben (kleiner …

Das Evangelium der Aale

Ich interessiere mich nicht für Aale. Ich bin weder Naturwissenschaftlerin noch Anglerin, und mein weniges Wissen über diesen schlangenartigen Fisch beruht lediglich auf Kindheitserinnerungen, in denen wir von Ausflügen zum Rhein geräucherten Aal mitbrachten. Meine Kenntnis was das lebendige Tier anbelangt geht also fast gegen Null, ein Umstand, der mich bislang nicht weiter gestört hat. Warum also ein Buch über Aale lesen? Am Ende war es vermutlich die Summe aus außergewöhnlichem Titel, einem schönen Cover und dem überflogenen Klappentext, die mich dann doch irgendwie neugierig machte. So erwartete ich eine Vater-Sohn-Beziehungsgeschichte, in der – wie auch immer – das Angeln und der Aal seinen Platz finden würden. Nicht mehr und nicht weniger. Ich tat mich schwer mit den ersten 40 Seiten. Das lag einerseits sicherlich an meiner falschen Erwartungshaltung, denn beim Überfliegen des Klappentextes war mir entgangen, dass es sich bei „Das Evangelium der Aale“ nicht um Fiktion, sondern um Erinnerungen des Autors an den Vater handelt. Mea culpa. Andererseits lasen sich die ersten Seiten durchaus holprig, was gewiss auch an der Übersetzung liegen kann. …