Alle Artikel in: Lesen und Arbeiten

Je tiefer das Wasser

Nach dem Lesen des Klappentextes erwartete ich eine durchaus komplizierte Familiengeschichte, die sich im Verlauf des Buches sicherlich zum Positiven hin wenden würde. Weit gefehlt. Als ich das Buch beendete und schloss, wanderte mein Blick erneut auf den Klappentext und mir wurde klar, dass man beim Versuch, in nur wenigen Sätzen den Inhalt dieses Buches, die Besonderheit seiner Geschichte zu beschreiben, nur scheitern konnte. Ein Versuch Katya Apekinas Debüt ist ein geschickt aufgebauter Roman, in dem neben den Haupterzählerinnen, den Schwestern Edith und Mae, multiple Ich-Erzähler zu Wort kommen. Diese werfen nicht nur aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, sondern auch zu unterschiedlichsten Zeiten einen Blick aufs Geschehen. So erzählt Edith die Geschichte im Präsens, beginnend mit dem Zeitpunkt als sie und die jüngere Schwester Mae nach dem Suizidversuch der Mutter beim berühmten Vater in New York einziehen. Mae hingegen berichtet in der Vergangenheitsform. Zwar setzt ihre Erzählung etwa zeitgleich mit Ediths ein, doch schnell wird klar, dass sie mit dem Wissen um zukünftige Ereignisse eher rückblickend über das Geschehen spricht. Was fehlt Im Original lautet der Titel des Buches „The …

Dear Oxbridge

Dear Nele, liebe Nele, deinen Liebesbrief an England habe ich gestern beendet und überlege seitdem, wie ich meiner großen Begeisterung für dein Buch Ausdruck verleihen soll. Da kam mir die Idee, dies in Briefform zu tun. In diesem Brief werde ich dich duzen, schon alleine deswegen, weil im Englischen zwischen „Sie“ und „du“ bekanntlich nicht unterschieden wird und genau das, wie du in deinem Buch erwähnst, Nähe schafft. Vielleicht interessiert es dich ja, wie es überhaupt dazu kam, dass ich nach deinem Werk griff. Tatsächlich bist du mir mit deinem klugen und kurzweiligen Artikel in der ZEIT aufgefallen, der kurz vor dem nun wirklich stattfindenden Brexit erschien. Seit die Briten sich im Juni 2016 gegen den Verbleib in der EU entschieden, war dein Text „Die widerspenstige Insel“ der erste, bei dem ich das Gefühl hatte, zu verstehen, warum die Engländer uns verlassen, obwohl sie doch eigentlich nur der eigenen Elite einen Denkzettel verpassen wollen. Da war also endlich mal jemand, der mir die ganze Sache verständlich erklärte, jemand, der nicht klug mit reichlich Quellenangaben (kleiner …

Das Evangelium der Aale

Ich interessiere mich nicht für Aale. Ich bin weder Naturwissenschaftlerin noch Anglerin, und mein weniges Wissen über diesen schlangenartigen Fisch beruht lediglich auf Kindheitserinnerungen, in denen wir von Ausflügen zum Rhein geräucherten Aal mitbrachten. Meine Kenntnis was das lebendige Tier anbelangt geht also fast gegen Null, ein Umstand, der mich bislang nicht weiter gestört hat. Warum also ein Buch über Aale lesen? Am Ende war es vermutlich die Summe aus außergewöhnlichem Titel, einem schönen Cover und dem überflogenen Klappentext, die mich dann doch irgendwie neugierig machte. So erwartete ich eine Vater-Sohn-Beziehungsgeschichte, in der – wie auch immer – das Angeln und der Aal seinen Platz finden würden. Nicht mehr und nicht weniger. Ich tat mich schwer mit den ersten 40 Seiten. Das lag einerseits sicherlich an meiner falschen Erwartungshaltung, denn beim Überfliegen des Klappentextes war mir entgangen, dass es sich bei „Das Evangelium der Aale“ nicht um Fiktion, sondern um Erinnerungen des Autors an den Vater handelt. Mea culpa. Andererseits lasen sich die ersten Seiten durchaus holprig, was gewiss auch an der Übersetzung liegen kann. …

Über Literatur

Wenn „über“ etwas geschrieben wird, setzt man als Leser insgeheim voraus, dass die Verfasserin weiß, wovon sie spricht bzw. schreibt. Vielleicht sollte ich zum besseren Verständnis und zur Abgrenzung gegenüber denjenigen, die wirklich wissen was Literatur ist, noch ein Fragezeichen hinter meine Beitragsüberschrift setzen. Denn tatsächlich gehöre ich eher zu den Unwissenden, die vom Begriff „Literatur“ ehrfürchtig zurückschrecken und sich lieber Buchbloggerin und nicht Literaturbloggerin nennen. Warum eigentlich? Spurensuche Die Herkunft des Wortes „Literatur“ liegt in lateinisch litteratura, was soviel wie Buchstabenschrift, das Geschriebene oder auch die Schrift bedeutet. Der Duden schreibt der Literatur folgende Bedeutung zu:[ gesamtes] Schrifttum, veröffentlichte [gedruckte] Schriften. In Wikipedia heißt es darüber hinaus: Die öffentliche Literaturdiskussion und -analyse ist demgegenüber seit dem 19. Jahrhundert auf Werke ausgerichtet, denen besondere Bedeutung als Kunst zugesprochen werden kann, und die man im selben Moment von Trivialliteratur und ähnlichen Werken ohne vergleichbare „literarische“, sprich künstlerische Qualität, abgrenzt. Die Literatur zählt zu den Gattungen der Kunst. Das gedruckte Wort Ich bin eine große Bewunderin von Sprache, nicht nur in gedruckter Form. Ich weiß um ihre …