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Meine wundervolle Buchhandlung

Meine wundervolle Buchhandlung

Manchmal dauert es bei mir ein wenig länger bis ich bestimmte Bücher für mich entdecke. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass ich „Meine wundervolle Buchhandlung“ erst knapp vier Jahre nach Erscheinen las. Das Buch hatte mir eine Buchhändlerin mit den Worten „Ich mag keine Buchhandlungs-Geschichten lesen.“ vermacht.

Sonst erfreuen sich Romane, in denen Buchhandlungen eine Rolle spielen, großer Beliebtheit, zumindest bei Verlagen und Lesern. Da wird der Buchladen oft zum Ort des Verliebens, dann liegt er bestimmt an der Seine und ist auch sonst ganz zauberhaft. Er kann aber auch sonderbar sein oder mit einem Planwagen durch Neu England gezogen werden. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt und genau das scheint auch das Problem – zumindest für Buchhänder*innen – zu sein, die gerne ein wenig mehr Realität zwischen den Buchdeckeln hätten.

Wer schreibt endlich über die wahren Heldinnen und Helden im Buchhandel, über die Hüter zahlloser Geschichten, die Bücherwannen-Schlepper*innen, die Platz in Regalen schaffen, wo eigentlich vorher schon kein Platz war, die die Ruhe selbst sind, wenn Lieferungen nicht pünktlich kommen oder der Computer nebst Kasse mitten im Weihnachtsgeschäft abschmiert?? Wer schreibt über großartige detektivischen Erfolge, die täglich im Buchhandel gefeiert werden, wenn anstatt der heißgeliebten 13-stelligen ISBN lediglich ein „Das Buch ist blau.“ ausreichen muss, um den richtigen Titel zu finden? Und wer kann überhaupt aufrichtig und wahrhaftig von Höhen und Tiefen, von großer Literatur, wenig Schlaf und viel Liebe für den Laden, seine Kund*innen und Mitarbeiter*innen erzählen??? – Defintiv nur jemand vom Fach!!

Buchcover

Meine wundervolle Buchhandlung von Petra Hartlieb, Dumont Buchverlag

Aus einer Schnapsidee heraus bemühte sich Petra Hartlieb im Urlaub gemeinsam mit ihrem Mann um eine gerade geschlossene Traditionsbuchhandlung in Wien – und bekam überraschend den Zuschlag. Von einem auf den anderen Tag kündigte sie ihren Job und begann mit ihrer Familie ein neues Leben in einer neuen Stadt, ohne zu wissen, worauf sie sich einlässt …
In diesem Buch erzählt sie ihre eigene Geschichte und die ihrer Buchhandlung. Einer Buchhandlung, die zum Wohnzimmer für die eigene Familie wird, und zum Treffpunkt für die Nachbarschaft. Mit Stammkunden, die zu Freunden werden, und Freunden, die Stammkunden sind.

„Meine wundervolle Buchhandlung“ kommt der Realität nicht nur ganz nah, das Buch ist Realität, berichtet die Quereinsteigerin Hartlieb doch ungeschönt und dennoch witzig von ihrem Buchhändlerleben in Wien. Häufig entdecke ich Parallelen und das obwohl ich ja sozusagen nur in homöopathischen Dosen in „meiner“ wundervollen Buchhandlung arbeite. Petra Hartlieb trifft genau den richtigen Ton, beschönigt nichts und kommt doch ohne Jammern aus. In Zeiten, in denen so anachronistische Läden wie der ihre totgesagt werden, wird sie – wie sie schreibt – weitermachen. Weiter machen, weil uns nichts anderes übrig bleibt. Weil wir nichts besser können. Weil wir nichts lieber tun.

Und da mir das Buch so gut gefallen hat und ich eh ein Freund der Backlist-Pflege bin, ist „Meine wundervolle“ Buchhandlung heute Tipp im Solinger Tageblatt. Den vollständigen Empfehlungstext findet ihr auf der Webseite „meiner“ Buchhandlung, der Schatzinsel.


Im Hintergrund meines Titelfotos seht ihr noch Petra Hartliebs „Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung“, das diesen Herbst erschienen ist. Gerne hätte ich diesen Titel in der Vorweihnachtszeit empfohlen, aber das Buch kommt einfach nicht an seinen Vorgänger heran.

Stolpersteine in Solingen

Auf den Spuren der Reichspogromnacht

Ein Mensch ist erst dann vergessen,
wenn sein Name vergessen ist.

– Aus dem Talmud

Gestern nahm ich an einer Gedenkveranstaltung für die Solinger Opfer der Reichspogromnacht teil. Diese besondere Form des Gedenken – ein Stadtrundgang zu den Tatorten des 9. November 1938 –  hat mich zutiefst bewegt. Denn Daniela Tobias vom Unterstützerkreis Stolpersteine in Solingen schilderte die grausamen Ereignisse anhand von historischen Fotos und Zeugenaussagen genau dort, wo sie vor 80 Jahren stattfanden. So entstand für mich das Gefühl, zeitversetzt auf den dunkelsten Spuren meiner Heimatstadt Solingen zu wandeln.

Grabstein Max Leven



Diese zwei Fotos markieren Beginn und Ende des abendlichen Stadtrundgangs. Das linke Foto entstand auf dem jüdischen Friedhof, auf dem Max Leven beerdigt ist. Der ehemalige Kulturredakteur der unter den Nazis verbotenen „Bergischen Arbeiterstimme“ wurde in der Nacht auf den 10. November in seiner Wohnung vor den Augen seiner Familie erschossen.

Das zweite Foto zeigt die Gedenktafel am Hochbunker an der Malteserstraße, wo bis zur Reichspogromnacht die Solinger Synagoge stand. Sie brannte bis auf die Grundmauern nieder und wurde anschließend abgerissen. Der jüdischen Gemeinde „kaufte“ man das Grundstück zum Preis der Abbruchkosten ab.

Folgende Worte, die Daniela Tobias vor dem Haus der Familie Schott verlas, hallen immer noch in mir nach. Vor 30 Jahren – anlässlich des 50. Jahrestags der Pogrome – erinnerte sich der in die USA emigrierte Francis Schott für die New York Times an die furchtbare Nacht des 9. November:

„Die geordnete Welt, in der nur die Polizei dich holen kann und die nur dann kommt, wenn du ein Verbrecher bist – diese Welt gibt es nicht mehr. Indem eine Regierung Öl in das Feuer der Vorurteile gießt, kann sie daraus Hass machen und eine Bevölkerung in Schlägertrupps verwandeln. So schmerzlich es auch ist, wir müssen uns immer daran erinnern.“

Achte auf Deine Gedanken,
denn sie werden Worte.
Achte auf Deine Worte,
denn sie werden Handlungen.
Achte auf Deine Handlungen,
denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf Deine Gewohnheiten,
denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter,
denn er wird Dein Schicksal.

– Aus dem Talmud

Solange Menschen den Terror und die Verbrechen des Nationalsozialismus als „Vogelschiss in der Geschichte“ bezeichnen, solange müssen wir nicht nur mahnend erinnern und gedenken, sondern solchen Worten und den Menschen, die sie aussprechen, entschieden entgegentreten.


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