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„Das musst du gelesen haben!“

Kennen wir alle, oder? Wir sind begeistert von einem Buch und wollen am liebsten jeden zum Lesen genau dieses Titels bewegen. Funktioniert natürlich auch anders herum. Und wenn dir schließlich deine Kollegin aus der Buchhandlung einen Titel mit den Worten „Das ist schon jetzt mein Buch des Jahres!“ in die Hand drückt, dann kannst du dich winden wie du willst, über deinen Stapel ungelesener Bücher jammern, aus der Sache kommst du nicht mehr raus.

Niemals ohne sie

Jocelyne Saucier
„Niemals ohne sie“
übersetzt von Sonja Finck und Frank Weigand
Insel Verlag, 2019

Die Cardinals sind keine gewöhnliche Familie. Sie haben den Schneid und die Wildheit von Helden, sie haben Angst vor nichts und niemandem. Und sie sind ganze dreiundzwanzig. Als der Vater in der stillgelegten Mine eines kanadischen Dorfes Zink entdeckt, rechnet der Clan fest mit einem Anteil am Gewinn – und dem Ende eines kargen Daseins. Aber beides wird den Cardinals verwehrt, und so schmieden sie einen explosiven Plan, der, wenn schon nicht die Mine, so wenigstens die Ehre der Familie retten soll. Doch der Befreiungsschlag scheitert und zwingt die Geschwister zu einem Pakt des Schweigens, der zu einer Zerreißprobe für die ganze Familie wird.

Die Kanadierin Jocelyne Saucier kannte ich bereits von ihrem ersten, preisgekrönten und mittlerweile verfilmten Roman. Nun liegt ihr zweiter Titel „Niemals ohne sie“ in deutscher Übersetzung vor, der im Original aber Jahre vor „Ein Leben mehr“ erschien. Und ich muss gestehen, dass ich wie beim ersten Buch ein wenig brauchte, um in die Geschichte einzutauchen.

Tatsächlich legte ich das Buch nach genau 37 Seiten weg und las erst einmal ein anderes. Nur dem hartnäckigen Nachfragen der Kollegin und der goldenen Regel, jedem Buch die Chance von mindestens 50 gelesenen Seiten zu geben, ist es zu verdanken, dass ich es erneut in die Hand nahm. Vermutlich hatte ich mich auf den ersten Seiten von der Einführung der Personen abschrecken lassen, denn das sind bei den Cardinals jede Menge. 21 Kinder zählt die Familie und die haben neben Taufnamen auch noch Spitznamen und so sah ich mich anfangs mit gefühlten 50 Charakteren konfrontiert.

Doch nach meinem Fehlstart legt sich die anfängliche Verwirrung und die wortgewaltige und packende Sprache zieht mich förmlich in die Geschichte hinein. Ich kann mich den Erzählern, sechs an der Zahl, nicht entziehen, obwohl keiner ein Sympathieträger ist. Doch jeder von ihnen fügt dem großen Rätsel der Geschichte ein Puzzleteil hinzu, dabei springen sie in ihrer Beschreibung der Ereignisse ohne Vorwarnung vor und zurück in der Zeit. Eine anspruchsvolle Erzählweise, man sollte also am besten genügend Zeit für dieses Buch haben, um es bestensfalls in einem Rutsch zu lesen, was bei 255 Seiten nicht allzu schwierig scheint.

Geschmäcker sind verschieden. Gerade auch bei Büchern. Ich hätte nach „Niemals ohne sie“ vermutlich ohne meine Kollegin nicht gegriffen. Und auch wenn ich mich ihrem Lobgesang nicht in Gänze anschließen kann – schließlich ist dieses Werk weitab von vielem, was ich sonst so lese – so hat mir die Geschichte gezeigt, welche Sogwirkung Sprache auf einen ausüben kann und schon allein dafür hat sich das Lesen gelohnt.

Begeisterung und jede Menge Merkzettel

Bereits Mitte April erschien mein ausführlicher Beitrag zu Bin im Garten auf der Webseite der Schatzinsel. Für die Buchhandlung habe ich nochmals eine etwas gekürzte Version für das Solinger Tageblatt geschrieben, die am 13. Mai dort unter dem Titel Vom Leben in einer WG mit 250 Sämlingen erschien.

Manchmal muss man erst um die ganze Welt reisen, um schließlich festzustellen, dass das größte aller Abenteuer im eigenen Garten auf einen wartet. Zu dieser Feststellung gelangte auch Meike Winnemuth, die 2010 bei Günther Jauch eine halbe Million gewann, um die Welt reiste und darüber einen Bestseller (Das große Los) schrieb.

In ihrem aktuellen Buch Bin im Garten nimmt uns die Journalistin erneut mit auf eine Reise, auch wenn ihre Terra incognita – der erste eigene Garten – dieses Mal lediglich vor den Toren Hamburgs liegt. Manchmal muss man eben gar nicht weit reisen, um sich auf unbekanntes Terrain zu begeben.

Und so werden wir dieses Mal Zeuge einer fast poetischen Liebeserklärung der Autorin an ihren Garten, den sie uns in zwölf Kapiteln – von Januar bis Dezember – präsentiert und auch kleine Rückschläge und großen Muskelkater nicht ausspart. Wir erweitern ganz nebenbei unser Fachwissen, werden mit Garten-Lifehacks versorgt und schulen das eigene (Gärtner-)Auge für das Winzige und Spektakuläre in der Natur.

Am Ende legen wir ein kurzweilige Buch von und über eine Gärtnerin zur Seite, das durch seinen erfrischenden Schreibstil auch Nicht-Gärtner begeistern wird. Denn wer will nicht wissen, warum der Dill die Schweiz ist und wie es sich in einer WG mit 250 Sämlingen lebt?!

Meike Winnemuth, Bin im Garten, Penguin Verlag 2019, 320 Seiten, 22 €