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Schäm dich!

Ich sitze vor einem leeren Blatt Papier und überlege, wie ich diesen Beitrag beginnen soll, wohin er mich gedanklich wohl führen wird. Warum ich ihn überhaupt schreibe, liegt vermutlich an der Tatsache, dass niemand – zumindest im medialen Raum – davor gefeit ist, dass man mit dem moralischen Zeigefinger auf ihn oder sie zeigt. Egal was wir auch tun, was wir auch sagen, es gibt immer jemanden oder eine Gruppe, die genau der entgegengesetzten Meinung ist. Nun könnte man meinen, das sei zutiefst demokratisch, ich jedenfalls finde, dass das lediglich als Totschlagargument genutzt wird, um die verbale Keule auszupacken. Trump und Co. haben „gute“ Arbeit geleistet, denn jedes Thema wird in WIR und DIE ANDEREN aufgespalten.

Da wo wir früher freudig Fotos unseres Grillabends geteilt haben, herrscht heute betretene Stille, schließlich hat man keinen Bock auf Diskussionen mit Vegetariern oder Veganern. Oder andersherum postet man ganz laut ein rohes Stück Fleisch mit dem Verweis „Take this, ihr Grünzeugfresser!“. Ihr könnt es drehen und wenden wie ihr mögt, es kommt nie was Gutes bei raus, unsere Leichtigkeit, unsere Offenheit, unsere Sorglosigkeit hat man uns schon lange geraubt. Die Fronten (was für ein Wort) sind verhärtet, egal was ich auch esse, es ist nie richtig.

Das gleiche gilt für Autos und das Fliegen. Ich mache mir viele Gedanken darüber, meinen CO2-Abdruck klein zu halten, ich fahre viele Strecken mit dem Fahrrad, manches mit dem Auto, ein E-Auto wohlgemerkt, aber glaubt ja nicht, dass man dann weniger einstecken muss. Am Sonntag erfülle ich mir einen lang gehegten Traum und reise nach Bhutan. Ich fliege, weil es manchmal nicht anders geht. Klar gibt es auch schöne Ziele in meiner unmittelbaren Umgebung, aber manchmal möchte man ganz weit über den Tellerrand schauen, andere Kulturen kennenlernen, sich verändern lassen, schauen, wie das Leben, die Natur anderswo sind. Ich, deren letzter Langstreckenflug 8 Jahre zurück liegt, möchte mich nicht für diesen Flug schämen. Die letzten drei Kurzstreckenflüge (auch schon ein Weilchen her) hingegen sind mir heute sehr unangenehm. Das würde ich so nicht mehr tun, wünsche mir aber im Gegenzug, dass da endlich ein attraktives Preisgefälle zwischen Flug und Bahn geschaffen wird. Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema.

Ich habe im Sommer 44 Tage Abschied von Facebook genommen. Ich bin wieder zurückgekehrt, verändert. Ich bin stiller geworden. Ich mag nicht mehr diskutieren, mir fehlt dafür die Kraft, die ich anderswo sinnvoller einsetzen kann. Vermutlich gibt es auch keine schlechtere Plattform um kontroverse Meinungen auszutauschen als Facebook. Über die Macht der Worte und die Probleme schriftlicher Kommunikation ohne nonverbale Signale schrieb ich früher schon mal hier.

Ich will mich nicht schämen, für das was ich tue und für die Person, die ich bin, solange ich immer offen für andere Meinungen bleibe, meine eigene bisweilen auch in Frage stelle, denn schließlich ist der Kopf ja rund, damit das Denken auch die Richtung wechseln kann.

Beitragsbild von Anita S. auf Pixabay

Listen

Ich gebe unumwunden zu, dass ich einen Listenfetisch habe. Keine Ahnung, ob das bereits in meiner Kindheit oder Schulzeit begann, ich kann mich nicht erinnern. Ordentlich war ich glaube ich schon immer. Listen bringen mir Klarheit, sie teilen meinen Tag ein, ordnen das Gewusel in meinem Kopf, dieses geschäftige Treiben, was bisweilen nicht zur Ruhe kommen will.

Ich habe Listen für ToDos und ToDonts, Listen für den jeweiligen Arbeitstag, wobei es sich dabei nur um zwei bis drei dringliche Aufgaben handelt, die auf einem kleinen Zettel gekritzelt vor meiner Tastatur liegen. Aber alleine das Abstreichen erledigter Dinge vermittelt mir ein befriedigendes Gefühl.

Es gibt handschriftliche Listen, schnell hingeschmierte, ausgedruckte und digitale. Unsere Einkaufsliste führen wir seit neuestem digital und gemeinsam, was sich bei fünf erwachsenen Familienmitgliedern als ziemlich praktisch erwiesen hat. Manchmal werden ausgedruckte Listen auch laminiert, weil Abläufe wiederkehren und einfach nur regelmäßig abgehakt werden müssen.

Ich weiß, das Genie beherrscht das Chaos, und für den normal „Sterblichen“ klingt meine Struktur vermutlich abschreckend, aber ich kann ohne sie einfach nicht sein. Ich brauche Ordnung um mich herum, dann habe ich Ordnung im Kopf und kann fokussiert arbeiten.

Zur allgemeinen Beruhigung kann ich übrigens sagen, dass Listenschreiben nicht ansteckend ist, denn jeglicher Versuch, dieses bei meinen männlichen Mitbewohnern zu etablieren, ist bisher gescheitert, (die digitale Einkaufsliste bildet da die einzige Ausnahme). Das führt mitunter dazu, dass ich Notizen für andere Familienmitglieder anlege, diese auf den Esstisch lege und dort ihrem Schicksal überlasse.

Vermutlich sind diese Listen für mich einfach nur ein Selbstschutz, damit mein Kopf nicht doch irgendwann einmal überläuft, denn was auf dem Papier steht, muss ich mir nicht zwangsweise behalten. Übrigens liegen Notizheft und Stift sogar neben meinem Bett, weil mir die besten Ideen manchmal im Schlaf kommen und ich sie sonst bis zum nächsten Morgen vergessen habe.

Ob ich wohl mit diesem ausgeprägten Listenschreiben alleine bin?

Beitragsbild von TeroVesalainen auf Pixabay

10 Minuten

Seit ich Doris Dörries Buch Leben Schreiben Atmen gelesen habe und erste kleine Schreiberfahrungen sammeln konnte, lässt mich das Thema Schreiben insbesondere das Schreiben mit der Hand nicht mehr los.

Es erstaunt mich jedes Mal aufs Neue, dass Themen, Schreibfluss und das sich Trauen mit Hand und Papier etwas völlig anderes sind. So schreibe ich Texte mit Tastatur niemals in einem fort, springe immer wieder zum Anfang, lese mir Absätze erneut durch, ändere während des Schreibens ganze Sätze ab. Sicher ist dies beim handschriftlichen Schreiben auch möglich, ein fetter Querstrich durch eine Formulierung oder ein X durch einen Absatz sind genauso gut wie die Delete-Taste, aber komischerweise tue ich es nicht, denn ich will meinen Schreibfluss, der ja irgendwie auch mein Gedankenfluss ist, nicht stören.

Bereits gestern kam mir deshalb die Idee mit #lebenschreibenatmen eine neue Rubrik in meinem Blog zu schaffen. Gerne möchte ich dieses 10-minütige, fast meditative Schreiben beibehalten. Sicherlich nicht täglich – nun, wir werden sehen – aber recht regelmäßig werde ich mir Worte raussuchen, zu denen ich 10 Minuten lang meine aktuellen Gedanken niederschreiben werde. Gestern auf meiner Fahrt nach Mittelfranken gingen mir bereits erste Beitragsideen durch den Kopf. Erstaunlicherweise (oder vielleicht auch nicht) sind es Themen, über die ich eigentlich schon immer schreiben wollte, die mir dann aber irgendwie wieder verloren gingen.

Und vielleicht traue ich mich tatsächlich durch das handschriftliche Schreiben einfach mehr, wobei trauen nicht das richtige Wort ist. Ich mache einfach!! Bei diesem Drauflosschreiben kreisen meine Gedanken nicht um Formulierungen, ich suche nicht schon während des Schreibens nach Wortdoppelungen oder passenden Synonymen und bringe mich so auch nicht aus meinem Schreib- und Gedankenfluss.

Ich bin neugierig und ein wenig aufgeregt. Ich freue mich auf weitere #lebenschreibenatmen-Texte und bin gespannt, was sie so alles an die Oberfläche spülen.
Und wie sieht es bei euch aus? Gibt es Themen, die euch schon immer umkreisen, aber noch nie auf dem Papier landeten?

Der Sprung

Warum sollte man einen Roman lesen, der im Klappentext bereits verrät, dass eine junge Frau auf einem Dach steht, dessen erster Satz lautet: Bevor sie springt, spürt sie das kühle Metall der Dachkante unter den Füßen; einen Roman, der „Der Sprung“ heißt? – Ja, warum eigentlich?

Der Sprung von Simone Lappert, Diogenes Verlag

Eine junge Frau steht auf einem Dach und weigert sich herunterzukommen. Was geht in ihr vor? Will sie springen? Die Polizei riegelt das Gebäude ab, Schaulustige johlen, zücken ihre Handys. Der Freund der Frau, ihre Schwester, ein Polizist und sieben andere Menschen, die nah oder entfernt mit ihr zu tun haben, geraten aus dem Tritt. Sie fallen aus den Routinen ihres Alltags, verlieren den Halt – oder stürzen sich in eine nicht mehr für möglich gehaltene Freiheit.

Der Sprung und 11 Schicksale

Simone Lapperts Der Sprung zeigt eindrucksvoll, wie alles und alle im Leben miteinander verwoben sind und bereits ein kleiner Schritt ausreicht, um dieses feine Gleichgewicht empfindlich zu stören. Tatsächlich bildet das Schicksal der jungen Frau auf dem Dach lediglich den Rahmen. Ihr Tun, ihr Ausharren über zwei Tage hinweg ist Auslöser, der das Leben ganz unterschiedlicher Menschen tiefgreifend verändert. Und so lässt Simone Lappert diese zehn Menschen die Geschichte, die lediglich zwei Tage umfasst, erzählen. Glücklicherweise tun sie dies in der dritten Person und so behält man beim Lesen trotz der vielen Charaktere stets den Überblick, zumal die Namen der Protagonisten auch als Kapitelüberschriften dienen.

Schnell merkt man, dass alle Personen mal mehr oder weniger offensichtlich miteinander verbunden sind. Ihre kleinste Gemeinsamkeit scheint dabei die Cafébesitzerin Roswitha zu sein, die zwar regelmäßig in den einzelnen Kapiteln auftaucht, selbst aber nicht zu den erzählenden zehn gehört.

Erzählvirtuosin

Simone Lappert ist eine begnadete Erzählerin. Orte, Personen, man meint sie beim Lesen vor dem inneren Auge zu sehen. Gerüche, Gefühle, all das beschreibt die Autorin mit den genau richtigen Worten, so dass ich tief in die Geschichte eintauchte und wie ein unsichtbarer Zuschauer dem Geschehen folgte. Mir war kein Wort zuviel, kein Wort zu wenig.

Ein wenig Philosophie

Am Ende entlässt die Geschichte alle Protagonisten in ein neues Leben, egal ob sie direkt oder indirekt vom Sprung betroffen waren. Selbst mich lässt die Geschichte in einer veränderten Stimmung zurück. Unmissverständlich macht sie mir klar, dass alles was ich tue, alles was wir tun (oder eben auch nicht), egal wie unbedeutend es uns auch erscheinen mag, immer ins Geschehen eingreift, den Lauf der Dinge verändert. Alles fließt. Panta rhei, würde Heraklit wohl sagen.

Simone Lapperts „Der Sprung“ hat mich begeistert. Die Geschichte ist gelungen konstruiert, hält Überraschungen bereit, überzeugt sprachlich und bietet perfekte Unterhaltung. Was will man mehr!

Der Sprung von Simone Lappert, Diogenes 2019 – 336 Seiten, 22 €
Online-Bestellmöglichkeit bei der Buchhandlung meines Vertrauens