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Am Wegesrand

Am Wegesrand gibt es viel zu entdecken und wenn man wie ich mit einer App zur Pflanzenbestimmung ausgestattet ist, kann so eine Wanderung schonmal deutlich länger dauern. Meine erste kostenlose und empfehlenswerte App war Flora Incognita. Diese hat allerdings – gerade bei Pflanzen im Wachstum und ohne Blüten – häufig Bestimmungsschwierigkeiten. Mittlerweile bin ich auf die Bezahl-App Picture this umgestiegen, die ich ausnahmslos empfehlen kann.

Nicht erst seit der Lektüre des Buches „Anstiftung zum gärtnerischen Ungehorsam“ bin ich aufmerksam unterwegs. Schon lange interessiere ich mich dafür, welche Pflanzen der Klimaveränderung trotzen und sich an bestimmten Standorten ganz von alleine vermehren.

Auf meinen Wanderungen durch meine fränkische Zweitheimat habe ich dieses Mal viele Pflanzen bestimmt und einigen Flugverkehr beobachten können.

In meiner Galerie habe ich die Fotos der Pflanzen zusammengestellt. Deren botanischen Namen und die Bezeichnungen unter denen sie auch bekannt sind, erhält man mit Klick auf das Foto. Sollte ich mich bei einer Zuordnung geirrt haben, lasst es mich wissen. Übrigens, als Buchhändlerin, die weiß, dass ein Titel nur durch seine ISBN eindeutig bestimmt wird, bevorzuge ich mittlerweile  die botanischen Namen 😉

Was wächst denn so bei euch am Wegesrand?

Anstiftung zum gärtnerischen Ungehorsam

Anstiftung zum gärtnerischen Ungehorsam

Über Bücher, die sich unversehens in mein Leben schleichen und dann auch noch bleibenden Eindruck hinterlassen, freue ich mich immer ganz besonders. Eine befreundete Autorin musste bei diesem Buch direkt an mich denken (ich frage mich natürlich bei welchem Wort im Titel?!) und schlug es mir innig als nächste Lektüre vor. Danke, Gina, für die Hartnäckigkeit, die sich für uns beide gelohnt hat!

Ideen säen für eine bessere Welt

Der Gewöhnliche Natternkopf (Echium vulgare) hat bei mir Einzug gehalten. „Schuld“ daran hat auch die Autorin Christiane Habermalz, deren Buch „Anstiftung zum gärtnerischen Ungehorsam“ genau das tut, was der Titel verspricht: Ideen säen, um unsere unmittelbare Umgebung wie Balkon, Baumscheibe, Park oder eigenen Garten ein wenig ökologischer zu machen.

Die Autorin berichtet humorvoll, lehrreich, augenöffnend über heimische Wildpflanzen, Generalisten und Spezialisten unter den Insekten, über Biodiversität und Artensterben. Als Journalistin hat sie gut recherchiert und mit vielen Fachleuten gesprochen, deren Forschungsergebnisse erschreckend sind. Auch mir ist klar, dass sich für große Fortschritte die Politik ändern muss und nicht nur mein Vorgarten. Aber ich merke ein ums andere Mal, das man über den blühenden und summenden Garten mit den Leuten ins Gespräch kommt und bei vielen ein Aha-Effekt einsetzt. Lasst uns einfach viele sein, dann kann auch das Kleine ganz groß werden!

Darum geht’s im Buch:

Nächtliches Sträucherpflanzen in öffentlichen Parks, heimliches Begrünen karger Straßenränder, subtiles Unterwandern der Petunienkultur: Christiane Habermalz ist als Guerilla-Gärtnerin in ihrem Kiez in Berlin unterwegs, um Inseln für Insekten zu schaffen. Sie weiß: Der Kampf gegen das Artensterben beginnt vor der eigenen Haustür.

Mit viel Humor und Leidenschaft für Sechsbeiner aller Art lässt sie uns daran teilhaben, was sie selber über Pflanzen und Insekten lernt und öffnet uns dabei die Augen für ein verborgenes Universum, an dem man allzu oft blind vorübergeht.
Eine persönliche Auflehnung gegen sterile Grünflächen und aufgeräumte Gärten, voller nützlicher Tipps, um ganz einfach selbst aktiv zu werden.


„Anstiftung zum gärtnerischen Ungehorsam – Bekennisse einer Guerillagärtnerin“ von Christiane Habermalz, Heyne 2020 – 288 Seiten, 9,99 €
Online-Bestellmöglichkeit bei der Buchhandlung meines Vertrauens
HIER entlang zur Leseprobe

In der Ruhe liegt die Kraft

Ich bin ein quirliger Mensch, einer mit besagten Hummeln im Hintern. Jemand, der viel zu erzählen hat, der viel an Informationen aufnimmt. Manchmal zuviel. Eigentlich bin ich jemand, bei dem einem nicht als erstes das Wort „Meditation“ in den Kopf kommt.

In der Ruhe liegt die Kraft

Doch tatsächlich ist die Meditation, die Stille, das Besinnen auf den eigenen Atem meine geheime Kraftquelle in einem oft turbulenten Alltag. Seit bald 10 Jahren versuche ich regelmäßig zumindest ein paar Minuten pro Tag auf meinem Yogakissen zur Ruhe zu kommen, mich auf meinen Atem zu konzentrieren und an aufkommenden Gedanken nicht festzuhalten, sondern sie vorbeiziehen zu lassen. Dass das mal gut oder weniger gut gelingt, ist ganz normal.

Mindestens einmal im Jahr gönne ich mir zudem eine Auszeit in Stille, meist im November, manchmal aber auch an einem verlängerten Wochenende im Mai oder Juni. Doch dieses Jahr ist alles anders. Anstatt im Kloster findet unser 5-tägiger Kontemplationskurs der Via Integralis dieses Mal digital, dezentral und somit auch mitten im eigenen Alltag statt.

Die kommenden Tage werde ich mir weitgehend arbeitsfrei nehmen und meinen Alltag in Stille gestalten. Der Computer bleibt – bis auf die kurzen Zoom-Verbindungen mit meinen Mitmeditierenden – aus, das Handy ebenfalls. Die Gehmeditation werde ich nach draußen verlegen, anstatt Klostergarten gibt es vielleicht Unkrautjäten im eigenen Garten. Das, was zu tun ist, werde ich versuchen, in Stille zu tun. Das strenge Schweigen wie im Kloster wird es Zuhause nicht geben, umso interessanter finde ich, wie sich diese kommunikative Vollbremsung im Alltag umsetzen lässt, ist dieses Experiment ja nun viel lebensnaher als meine bisherigen Auszeiten. Ein selbst erstellter Ablaufplan wird mir einen gewissen Rahmen vorgeben, und aufgehängt an meiner Bürotür auch meine Mitbewohner auf die etwas andere Situation einstellen.

Ich bin sehr gespannt und werde in einem Nachtrag hier gerne von meinen Erfahrungen berichten.

 

Alles könnte anders sein: Eine Kritik

In Daniel Pennacs Werk „Wie ein Roman“ plädiert der Autor für die unantastbaren Rechte des Lesers. Vom 3. Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen, mache ich nun Gebrauch und beende Harald Welzers „Alles könnte anders sein“ nach nur 100 gelesenen Seiten.

Nur fertig gelesene Bücher dürfen rezensiert werden

Dies wiederum ist eine der Regeln, die ich mir und meiner Nachwuchsredaktion, den Bücherkindern, auferlegt habe. Für den erzählenden Roman gilt sie in meinen Augen auch unbedingt, denn so manche Geschichte kommt nach einem schwachen Start noch richtig in Fahrt, manch anderes Buch wiederum enttäuscht auf den letzten Seiten.

Aber gilt die Regel auch für Ratgeber? Vielleicht. Dennoch möchte ich meine Meinung zu den ersten 100 Seiten niederschreiben und meine Kritik am Buch erklären.

Alles könnte anders sein

Alles könnte anders sein
von Harald Welzer
Fischer TB 2019

Heute glaubt niemand mehr, dass es unseren Kindern mal besser gehen wird. Muss das so sein? Muss es nicht! Der Soziologe und erprobte Zukunftsarchitekt Harald Welzer entwirft uns eine gute, eine mögliche Zukunft. Anstatt nur zu kritisieren oder zu lamentieren, macht er sich Gedanken, wie eine gute Zukunft aussehen könnte: In realistischen Szenarien skizziert er konkrete Zukunftsbilder u.a. in den Bereichen Arbeit, Mobilität, Digitalisierung, Leben in der Stadt, Wirtschaften, Umgang mit Migration usw.
Erfrischend und Mut machend zeigt Welzer: Die vielbeschworene »Alternativlosigkeit« ist in Wahrheit nur Phantasielosigkeit. Wir haben auch schon viel erreicht, auf das man aufbauen kann. Es ist nur vergessen worden beziehungsweise von andere Prioritäten verdrängt. Es kann tatsächlich alles anders sein. Man braucht nur eine Vorstellung davon, wie es sein sollte. Und man muss es machen. Die Belohnung: eine lebenswerte Zukunft, auf die wir uns freuen können.

Eigentlich mache ich – soweit vorhanden – von der Möglichkeit Gebrauch, vorab ein paar Seiten eines Buches zu lesen, bevor ich es kaufe. Viele Verlage bieten das Hineinblättern in ihre Titel beispielsweise auf der Verlagswebseite an. Bei „Alles könnte anders sein“ habe ich mir das jedoch erspart, denn bereits Welzers kleines Werk „Wir sind die Mehrheit“, das 2017 erschien, ließ sich angenehm lesen und hatte mir gut gefallen.

Ein Fehler, wie sich herausstellte. Jedenfalls für mich. Dabei klang der Klappentext so vielversprechend und nach einem Werk, das sich nahtlos in meine Lesereihe der vergangenen Titel („Im Grunde gut“, „Unfog your mind“) einfügen lassen sollte. Ebendieser Klappentext beschreibt den Autor als Vordenker als Zukunftsarchitekt, in seiner Vita erfahre ich, dass er zudem Direktor der Stiftung „Futurzwei“ ist. Meine Erwartungen sind deshalb hoch, dass hier jemand eine Zukunft beschreibt, die – wie im Titel genannt – nicht nur anders, sondern auch machbar ist. Und wenn man solch eine Gesellschaftsutopie entwirft, dann sollte man doch meinen, dass es im Interesse des Autors liegt, nicht nur viele Bücher zu verkaufen, sondern ebenso viele Menschen dafür zu begeistern, mutig mitzumachen und ihnen mit diesem Werk einen ersten Wegweiser an die Hand zu geben. Oder?

Nach 100 Seiten habe ich nur wenig Klebezettel genutzt und diese hauptsächlich für meinen größten Kritikpunkt, Welzers Sprache. Ich bin sicherlich keine ungeübte Leserin und beiße mich durch manchen Text durch, aber wenn nach 100 Seiten aufgrund völlig abgehobener und verschwurbelter Sprache nichts haften bleibt, dann geht dieses Werk – in meinen Augen – einfach an sehr vielen Lesern vorbei. Ein Beispiel:

Inzwischen ist dieser Sound verklungen, und die Gegenwart hat sich nach vorn gedrängt – in einer Verschränkung von auf den ersten Blick sehr disparaten Gründen: Zum einen wurden in Zeiten des Hyperkonsums künftige individuelle und gesellschaftliche Ziele durch einen Sofortismus der unverzögerten Bedürfnisbefriedigung ersetzt …
Seite 41

Sowohl das Wort Sofortismus als auch die später genutzte Zukünftigkeit gibt es laut Duden nicht. Im Grunde habe ich nichts gegen einfallsreiche Wortkreationen, auch ich nutze hin und wieder beispielsweise englische Ausdrücke, weil sie einen Zustand passender beschreiben als ihre deutsche Übersetzung. Wenn aber solche Wortkreationen zuhauf auftreten und diese mit weiteren Wörtern kombiniert werden, die der Duden als bildungssprachliches Vokabular betitelt, dann stellt sich mir die Frage, ob sich dieses Buch bewusst nur einem besonders elitären Kreis erschließen soll oder sich Verlag, Lektorat und Autor sprachlich „vergallopiert“ haben.

Es ist eine Sache, kluge und zukunftsweisende Ideen zu entwerfen, diese wissenschaftlich zu untermauern und per Medium Buch vielen zur Verfügung zu stellen. Die große Kunst allerdings besteht in meinen Augen darin, diese Erkenntnisse in einfacher, kurzweiliger, prägnanter Sprache einem großen Publikum zugänglich zu machen. Mein Eindruck nach 100 gelesenen Seiten ist, dass „Alles könnte anders sein“ dazu leider nicht gehört.