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Wenn nicht ich …

Früher war manches einfacher. Da wusste man auch weniger. Oder konnte das (Ge)Wissen besser ausblenden. Heute kann man sich nicht mehr verstecken. Da müsste man schon als Einsiedler und Selbstversorger ohne Medienzugang am Ende der Welt leben. Aber dann würde man vermutlich schon eh alles richtig machen …

Wenn nicht ich, wer dann?

Diese Frage treibt mich schon seit Monaten um. Klar, im Kleinen versuche ich immer schon, die Welt ein wenig besser zu machen. Und auch wenn ich freitags mit den Schüler*innen mitgelaufen bin, mein Plakat hoch hielt, so konnte ich doch manchen Sprechgesang nicht mitrufen, denn schließlich galt die Schelte der jungen Leute eben auch mir. Ich bin 48 Jahre alt und habe noch nicht genug getan. Und auch wenn ich so weiter mache, wird es nicht reichen, das machen die jungen Demonstranten uns unmissverständlich klar.

Der Tropfen

„Alles nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.“, werden die Kritiker mir (zu recht?) zurufen. Mag sein, ein Umdenken in Politik und Wirtschaft muss her für die großen (Fort)Schritte. Aber schließlich gibt es ja auch noch den steten Tropfen, der den Stein höhlt. Vielleicht halte ich mich an den und kremple mein Leben im Rahmen der Möglichkeiten – und meine Möglichkeiten sind keine schlechten – um. Warum nicht? Wenn eine 16-Jährige die Welt verändern kann, kann ich das auch!

Beitragsbild von Myriams-Fotos auf Pixabay

Bewerbung mal anders

Seit über drei Jahren lebt Mohammad aus Damaskus in Deutschland, fünf Monate davon als Gastsohn in unserem Zuhause. Als seine deutsche „Familie“ möchten wir ihn bei der Stellensuche unterstützen und geben ihm hier den Raum, sich neben den bereits beschrittenen herkömmlichen Bewerbungswegen auf etwas andere Art und Weise vorzustellen.

Hallo zusammen oder
Marhaba wie wir auf arabisch sagen,

ich möchte mich euch und Ihnen kurz vorstellen. Mein Name ist Mohammad, ich bin 27 Jahre alt und lebe seit 2016 in der Klingenstadt Solingen in NRW. Geboren und aufgewachsen bin ich in Damaskus, floh aber 2015 vor dem Krieg in Syrien über die Balkanroute nach Deutschland. Derzeit bin ich wie viele meiner Landsleute Kunde des Jobcenters, einen Zustand, den ich trotz freundlicher Unterstützung des Solinger Teams möglichst bald beenden möchte.

Schon als Jugendlicher habe ich mich sehr für technische und auch chemische Abläufe interessiert und später sogar eigene Seife in unserer Garage in Damaskus hergestellt und verkauft. Nach dem Abitur studierte ich Chemie an der Universität Damaskus, das Studium schloss ich im Mai 2015 mit dem Bachelor der Chemie ab. Leider konnte ich im Anschluss aufgrund des Krieges keine weitere berufliche Erfahrung in Syrien mehr sammeln und musste mich auch in meiner neuen Heimat erst einmal wichtigeren Dingen, wie dem Erlernen der deutschen Sprache (mittlerweile Sprachniveau B2) widmen. Im vergangenen Jahr konnte ich bei verschiedenen Langzeit-Praktika in der Fa. Henkel meine chemischen Kenntnisse wieder ein wenig auffrischen.

Nun bin ich auf der Suche nach einer Arbeits- oder Ausbildungsstelle, denn obwohl ich bereits ein Studium absolviert habe, das in Deutschland auch anerkannt ist, möchte ich meine bisherigen Kenntnisse, die aufgrund der politischen Begebenheiten ein wenig in die Jahre gekommen sind, auf ein solides Fundament einer beruflichen Ausbildung stellen. Und – um ganz ehrlich zu sein – ich will unbedingt arbeiten. Ich möchte meine Hände und meinen Kopf wieder anstrengen, Teil eines Teams sein, neue Menschen kennenlernen, deutsch reden. Arbeits- oder Ausbildungsstelle müssen dabei nicht zwingend in der Chemie angesiedelt sein, ich bin offen und in vielfältiger Weise interessiert. Außerdem bietet das deutsche Ausbildungssystem unzählige interessante Berufe.

Vielleicht konnte ich Sie neugierig machen und Sie haben sogar eine freie Arbeits- oder Ausbildungsstelle für mich. Schreiben Sie gerne eine E-Mail an meine deutsche „Mutter“ Steffi Leo. Sie wird diese an mich weiterleiten. Gerne lasse ich Ihnen dann per Mail meine vollständigen Bewerbungsunterlagen zukommen. Da meine finanziellen Möglichkeiten eingeschränkt sind und ich auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen bin, sind Vorstellungsgespräche innerhalb NRWs für mich einfacher zu bewältigen. Und vielleicht kann ich Sie dann in einem persönlichen Gespräch überzeugen, dass ich der richtige für Ihre (Ausbildungs-)Stelle bin.

Es grüßt Sie alle herzlich
Lakum Al Taheja w Al Ihteram
Mohammad T.