Autor: Stefanie Leo

Marianengraben

Der Marianengraben. Die tiefste Stelle des Weltmeeres. Elftausend Meter tief. Dort unten vollkommene Dunkelheit. Diese Dunkelheit begleitet die Biologin Paula nun schon zwei Jahre lang. Nach dem Tod ihres 10-jährigen Bruders Tim ist der Marianengraben zum Inbegriff ihrer Trauer geworden, die Zahl 11000 steht für die Tiefe ihrer Depression und ist zugleich Überschrift des ersten Kapitels. Was nun folgt ist alles andere als eine schwermütige Geschichte. Ganz im Gegenteil, Jasmin Schreiber gelingt ein schriftstellerisch brillanter Spagat zwischen zutiefst gefühlter Trauer und herrlicher Situationskomik, die weder albern noch deplatziert wirkt. Nach 25 gelesenen Seiten beschert mir das skurrile Zusammentreffen von Paula, dem schrulligen Helmut und einer Urne auf dem nächtlichen Friedhof die ersten Lachtränen und setzt zugleich den Startpunkt für eine ganz besonderen Reise, auf der das ungewöhnliche Duo Asche verstreut und Trauer bewältigt. Ich lese mich durch weitere lustige und tieftraurige Momente, erlebe wie Paula Seite für Seite aus dem Marianengraben auftaucht und die Zahlen der Kapitel-Überschriften immer kleiner werden. Lediglich einen Satz im Buch habe ich mir markiert, obwohl sicherlich vieles markierenswert gewesen wäre. …

Je tiefer das Wasser

Nach dem Lesen des Klappentextes erwartete ich eine durchaus komplizierte Familiengeschichte, die sich im Verlauf des Buches sicherlich zum Positiven hin wenden würde. Weit gefehlt. Als ich das Buch beendete und schloss, wanderte mein Blick erneut auf den Klappentext und mir wurde klar, dass man beim Versuch, in nur wenigen Sätzen den Inhalt dieses Buches, die Besonderheit seiner Geschichte zu beschreiben, nur scheitern konnte. Ein Versuch Katya Apekinas Debüt ist ein geschickt aufgebauter Roman, in dem neben den Haupterzählerinnen, den Schwestern Edith und Mae, multiple Ich-Erzähler zu Wort kommen. Diese werfen nicht nur aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, sondern auch zu unterschiedlichsten Zeiten einen Blick aufs Geschehen. So erzählt Edith die Geschichte im Präsens, beginnend mit dem Zeitpunkt als sie und die jüngere Schwester Mae nach dem Suizidversuch der Mutter beim berühmten Vater in New York einziehen. Mae hingegen berichtet in der Vergangenheitsform. Zwar setzt ihre Erzählung etwa zeitgleich mit Ediths ein, doch schnell wird klar, dass sie mit dem Wissen um zukünftige Ereignisse eher rückblickend über das Geschehen spricht. Was fehlt Im Original lautet der Titel des Buches „The …

4. Solinger Nachhaltigkeitskonferenz

Wie geht es euch, wenn ihr den Begriff „Nachhaltigkeit“ hört? Für meinen Geschmack könnte er durchaus sparsamer verwendet werden, denn der inflationäre Gebrauch verwässert die eigentlich so klare und positive Botschaft, die ihren Ursprung in der Forstwirtschaft Anfang des 18. Jahrhunderts hat. Damals legte der Oberberghauptmann des Erzgebirges Hans Carl von Carlowitz eine Abhandlung über wirtschaftlichen Waldbau, die „Sylvicultura Oeconomica“ vor. Sie besagte, dass nicht mehr Holz gefällt werden durfte, als jeweils nachwachsen konnte. Carlowitz nannte das „continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung“. Sehr knapp formuliert bedeutet Nachhaltigkeit also, etwas für künftige Generationen zu bewahren und die eigenen Bedürfnisse für dieses Ziel einzuschränken. Der Begriff der Nachhaltigkeit taucht aber mittlerweile weit über diesen ökologischen Diskurs hinaus auf. In anderen Zusammenhängen will er vielmehr sagen, dass wer nachhaltig handelt, es ernst meint und nicht nur auf seinen Erfolg schaut. Kein Wunder also, dass das Wort Einzug in die Politik gehalten hat, selbst Dax-Konzerne fertigen Nachhaltigkeitsberichte an und um das ganze auf die Spitze zu treiben, lobt der Stuttgarter Flughafen sogar einen Preis für nachhaltiges Fliegen aus. Ein …

Dear Oxbridge

Dear Nele, liebe Nele, deinen Liebesbrief an England habe ich gestern beendet und überlege seitdem, wie ich meiner großen Begeisterung für dein Buch Ausdruck verleihen soll. Da kam mir die Idee, dies in Briefform zu tun. In diesem Brief werde ich dich duzen, schon alleine deswegen, weil im Englischen zwischen „Sie“ und „du“ bekanntlich nicht unterschieden wird und genau das, wie du in deinem Buch erwähnst, Nähe schafft. Vielleicht interessiert es dich ja, wie es überhaupt dazu kam, dass ich nach deinem Werk griff. Tatsächlich bist du mir mit deinem klugen und kurzweiligen Artikel in der ZEIT aufgefallen, der kurz vor dem nun wirklich stattfindenden Brexit erschien. Seit die Briten sich im Juni 2016 gegen den Verbleib in der EU entschieden, war dein Text „Die widerspenstige Insel“ der erste, bei dem ich das Gefühl hatte, zu verstehen, warum die Engländer uns verlassen, obwohl sie doch eigentlich nur der eigenen Elite einen Denkzettel verpassen wollen. Da war also endlich mal jemand, der mir die ganze Sache verständlich erklärte, jemand, der nicht klug mit reichlich Quellenangaben (kleiner …