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Das große Rauschen

Im Sommer 1996 bereisten mein Mann und ich für drei Wochen per Zelt Alaska. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich solch eine unberührte, schier unendliche Weite gesehen. Bäume ragten wie Pfeifenreiniger in die Höhe, weil man als Nadelbaum aufgrund der zu erwartenden Schneemassen im Winter eben keine ausladenden Äste ausbildet. Gefühlt hinter jeder Kurve erwartete uns ein neuer majestätischer Gletscher, selbst der Prince William Sound sah sieben Jahre nach der Havarie des Öltankers Exxon Valdez oberflächlich gesehen gut aus. Wandern, Heilbutt-Angeln, einem Gletscher vom Boot aus beim Kalben zusehen, ein unvergesslicher Urlaub.

Trans-Atlantik-Pipeline in Alaska 1996

Heute, vierundzwanzig Jahre später, weiß ich es besser.
Der Klimawandel ließ schon damals die Gletscher schmelzen (in meinem Fotoalbum nannte ich das „Rückzug“), der Prince William Sound hat sich auch heute, 30 Jahre nach der Katastrophe, noch nicht wieder vollständig erholt (wird er das jemals?) und die Trans-Alaska-Pipeline, die ich damals auf meinen Fotos auszublenden versuchte, ist für mich heute zum Sinnbild allen Übels geworden.

In weiteren vierundzwanzig Jahren, also im Jahr 2044, werde ich womöglich 74 Jahre alt sein. Es wird sich zeigen, ob wir es geschafft haben, die Erderwärmung unter 1,5 Grad zu halten, unsere CO2-Emissionen auf null runterzuschrauben und bereits in der Atmosphäre befindliches CO2 zu binden. Dann und nur dann werde ich vielleicht mit meinen Kindern und – wenn es gut für unser Klima läuft – meinen Enkelkindern auf der Terrasse unseres Ferienhäuschens verweilen, auf der ich beim Schreiben dieser Zeilen jetzt sitze. Der bereits jetzt im Sterben begriffene Nadelwald hinter mir wird verschwunden sein, aber tief wurzelnde Laubbäume konnten dem Klima trotzen. Der Brunnen führt trotz gesunkenem Grundwasserspiegel noch Wasser, aber jeder Tropfen Regenwasser wird in einer Zisterne gespeichert. Die bereits Anfang des Jahrhunderts installierten Solarpanele sind Solardachziegeln gewichen und ein Windrad sorgt in den Windermonaten für ausreichend Strom.

Für diese Zukunftsvision lohnt es sich zu kämpfen, oder?

Wasser und Zeit

Der Grund für meine obige Zeitreise ist ein Buch, das ich gestern las als der Sturm Kerstin an unserem Haus rüttelte und der Inhalt des Buches an mir.

Wasser und Zeit – Eine Geschichte unserer Zukunft von Andri Snær Magnason, übersetzt von Tina Flecken, Insel Verlag 2020

In Island schmelzen die Gletscher, der Meeresspiegel steigt. Unsere Kinder werden, anders als Andri Snær Magnasons Großeltern, ihre Flitterwochen nicht mehr nutzen können, um über einen Gletscher zu wandern. 2180 sind die Zwillings-Urenkel des Autors 90 Jahre alt, stellt er sich vor. In was für einer Welt werden sie leben?
»In den nächsten hundert Jahren wird sich das Leben auf der Erde grundlegend ändern. Gletscher werden schmelzen, der Meeresspiegel wird steigen, und der Säuregrad der Ozeane wird stärker zunehmen als in den letzten 50 Millionen Jahren. Diese Veränderungen beeinflussen das gesamte Leben – aller Menschen, die wir kennen, und aller Menschen, die wir lieben. Sie sind komplizierter als die meisten Dinge, mit denen wir uns normalerweise beschäftigen, größer als unsere gesamte bisherige Erfahrung, größer als die Sprache. Welche Wörter können ein Thema von dieser Größenordnung fassen?«

Die Brände, die mehrere Monate in Australien wüteten, haben zwölf Millionen Hektar Land verwüstet und mehr als eine Milliarde Tiere getötet (Quelle: Die Bilanz der Feuerkatastrophe). Derzeit halten kaum zu bändigende Feuer weite Teile Kaliforniens in Atem (Tagesschau). Am Amazonas wird weiter (auch für unser Fleisch) gebrandrodet. Im August wurde im Death Valley die unglaubliche Temperatur von 130 Grad Fahrenheit (rund 54,4 Grad Celsius) gemessen. Das Eis der Arktis schmilzt rasant, von den Gletschern weltweit wollen wir erst gar nicht reden. Und? Hört ihr bereits das große Rauschen?

„Rauschen“ nennt der Autor Andri Snær Magnasons den Moment, wenn bei der Aufnahme eines Vulkanausbruchs der Lärm ab einer bestimmten Frequenz in Rauschen übergeht. Eigentlich sollten wir bei den oben aufgezählten Katastrophen, bei Wörtern wie „Gletscherschmelze“, „Rekordhitze“ und „Versauerung der Meere“ in Panik geraten, so wie Greta Thunberg es in ihrer Rede Ende Januar 2019 in Davos bereits forderte. Aber wir reagieren nicht angemessen, als könnten wir trotz wissenschaftlicher Beweise das Ausmaß der Klimakatastrophe in seiner Gänze nicht erfassen, am Ende bleibt nur großes Rauschen.

Die Metapher des Rauschens begleitet mich 304 Seiten lang, in denen Magnason die richtigen Worte sucht und findet, um uns, seinen Mitmenschen, die katastrophale Lage zu schildern, ohne dass beim Lesenden das große Rauschen einsetzt. Dabei nähert er sich dem Klimawandel am Beispiel seiner Heimat Island, verknüpft wissenschaftliche Daten geschickt mit biografischen Anekdoten, schlägt Brücken von der nordischen Mythologie bis zum Buddhismus, von der Vergangenheit bis in die noch nicht geschriebene Zukunft.

„Wasser und Zeit“ ist wie der Untertitel schon sagt eine Geschichte unserer Zukunft, einer Zukunft, die wir (noch) beeinflussen können. Ein eindringlicher Appell, uns für den Schutz unseres Planeten mit all unserer Kraft einzusetzen, für uns, unsere Kinder und mögliche Enkelkinder. Dabei hat Andri Snær Magnason den richtigen Stil und die richtigen Worte gefunden und gibt den wissenschaftliche Fakten einen lesbaren und äußerst lesenswerten Rahmen, der ganz ohne Rauschen auskommt.


Wasser und Zeit von Andri Snær Magnason, übersetzt von Tina Flecken, Insel Verlag 2020 – 304 Seiten, 24 €
Online-Bestellmöglichkeit bei der Buchhandlung meines Vertrauens

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