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Miroloi

Ich lese Bücher kein zweites Mal. Doch bei Karen Köhlers Miroloi ist alles anders. Und so klappe ich das Buch abends zu, lege es auf meinen Nachttisch und beginne zum Morgenkaffee erneut. Warum nur? Was hat diese Geschichte, die ich mit wenigen Worten gar nicht umreißen kann, mit mir angestellt? Vielleicht ist es die Summe an Besonderheiten, die dieses Werk für mich so einzigartig macht. An diesem Buch ist einfach alles außergewöhnlich: Die Erzählweise, die Sprache – die keine andere hätte sein dürfen, der Ort, die Menschen, die Handlung und auch der Schluss.

Eselshure. Schlitzi. Nachgeburt der Hölle.

Mit diesen Worten beginnt Karen Köhler ihre Geschichte über das Schöne Dorf auf der Schönen Insel, dort wo alles einen Namen hat, alles außer der Ich-Erzählerin. Als Findelkind hat sie kein Anrecht auf einen Namen, niemand wird sie in das Stammbuch der Insel eintragen, niemand wird ihr Miroloi, ihre Lebensgeschichte singen, wenn sie gestorben ist. Sie ist die Außenseiterin in einer von Männern dominierten Gesellschaft, in der Frauen nicht lesen dürfen, der Fortschritt mit allen Kräften von der Insel ferngehalten wird und religiöse Riten den täglichen Ablauf bestimmen.

Es dauert eine Weile bis man herausfindet, zu welcher Zeit Karen Köhler ihre Geschichte spielen lässt. Die Erkenntnis ist überraschend. Und auch wenn es sich bei der Schönen Insel um einen fiktiven Ort handelt, so ertappt man sich häufig, Parallelen zu heutigen oder vergangenen realen Ereignissen zu ziehen.

Anfangs stolpere ich über die vielen Umschreibungen, über erfundene Wörter, doch im Laufe der Geschichte wird klar, warum die Ich-Erzählerin sie nutzt. Wie sonst soll man ohne Wissen, ohne Lesen, ohne Sprache die Welt um sich herum und sich selbst in dieser Welt beschreiben? Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mit dem Buch noch einmal von vorne beginne. Ich will zumindest die ersten Seiten noch einmal mit dieser neu erworbenen Erkenntnis lesen.

Miroloi ist eine fiktive Geschichte. Eine Geschichte über Unterdrückung und Ungerechtigkeit, aber auch darüber, Dinge nicht hinzunehmen, sie zu hinterfragen, aufzubegehren. Miroloi ist aber wie ich finde auch ein Plädoyer für die Sprache und für das Lesen. Denn nur so ist Gleichberechtigung möglich, nur so kann Wissen unbegrenzt vermittelt, weitergegeben und erfahren werden.

Miroloi ist ein großartiges Buch. Ein innerlich und äußerlich in Sprache und Handlung perfekt abgestimmtes Werk, das mich mitgerissen hat. Defintiv mein Highlight 2019!


Miroloi von Karen Köhler, Hanser Verlag 2019 – 464 Seiten, 24 €
Online-Bestellmöglichkeit bei der Buchhandlung meines Vertrauens

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