Digitales Leben
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Ich bin dann mal weg …

Den Satz „Ich bin dann mal weg“ werde ich wohl mein Leben lang mit dem 2006 erschienen Reisebericht von Hape Kerkeling verbinden. Erst ein Hörsturz und eine entfernte Gallenblase ließen den damals schier pausenlos arbeitenden Entertainer die Notbremse ziehen, die Wanderschuhe schnüren und den fast 800 km langen Camino Francés beschreiten.

Seitdem verbinde ich den Ausspruch vor allem mit großen Veränderungen, mit Abkehr von dem, was man bislang machte und vielleicht auch ein wenig mit der Suche, nicht unbedingt nach dem Sinn des Lebens, aber irgendwie schon nach sinnstiftenden Dingen.

Und tatsächlich schrieb ich unter ähnlichem Titel bereits im Frühjahr 2016 über meine regelmäßig wiederkehrende Social-Müdia, die Unlust, zu bloggen, und zu kommentieren. Was damals noch mehr oder weniger nach einer harmlosen Frühjahrsmüdigkeit klang, wuchs sich in den folgenden Jahren zu einer diffusen Abneigung oder zumindest einem sehr ambivalenten Verhältnis zu den sozialen Netzwerken im Allgemeinen und Facebook im Speziellen aus.

Vieles dort mag ich gar nicht erst sehen, von vielem bin ich gefühlsmäßig überfordert (ich kann nicht die ganze Welt retten!) und selbst wenn ich meinen Freundeskreis auf ein Minimum reduzieren würde, bliebe so mancher geteilter Beitrag, den ich später nicht mehr aus meinem Kopf bekomme, nicht aus. Von den vielen Seiten, denen ich in den knapp 10 Jahren meiner Facebook-Mitgliedschaft ein Like geschenkt habe, will ich erst gar nicht sprechen.

Schon lange ist mein Facebook – also unter mein verstehe ich, wie sich die Darstellung von Facebook für mich persönlich, also dank des Algorithmus‘ verändert hat – nicht mehr das, wofür es (vielleicht) ursprünglich mal gedacht war: Familie, Bekannte, Menschen mit denselben Interessen grenzenlos zusammenzubringen. Entgegen aller Widrigkeiten versuche ich, diesen Weg immer noch zu beschreiten, aber die Frage, ob dieser zwingend mit Facebook verbunden ist, geht mir schon länger nicht mehr aus dem Kopf.

Kein Wunder also, dass ich nicht nur Petra van Cronenburgs Mini-Reihe „Abschied von Facebook“ interessiert verfolge, sondern auch die äußerst interessanten Beiträgen auf dem Blog der GLS-Bank. Auch Annette Schwindt, die Facebook-Ikone meiner ersten Social-Media-Jahre, stellt sich die Frage: „Brauche ich Facebook?“.

Folgenden Fragen (aus: „Abschied von Facebook“) sollte jeder Facebook-Zweifler auf jeden Fall für sich beantworten:

  • Warum bin ich bei Facebook eingetreten und so lange geblieben? Hat sich hier etwas verändert? Habe ich mein Ziel erreicht? Bin ich zufriedener oder unzufriedener geworden?
  • Warum brauche ich Facebook unbedingt?
  • Was gibt mir Facebook, was ich woanders absolut nicht haben kann?
  • Wo ertappe ich mich bei emotionalen Abhängigkeiten?
  • Ertappe ich mich dabei, bereits konditioniert zu sein auf ein bestimmtes Verhalten?
  • Reicht es mir, nur abzuspecken, den Konsum herunterzufahren?
  • Warum will ich weg?

„Brauche ich Facebook unbedingt oder reicht es mir, lediglich den Konsum herunterzufahren (wobei ich letzeres in den letzten Monaten stetig tue)?“, ist derzeit für mich die vorrangige Frage, die ich hoffe, in einer ausgiebigen Sommerpause für mich beantworten zu können.

Beitragsbild von Pete Linforth auf Pixabay

7 Kommentare

  1. Esther-Maria sagt

    Berechtigte Fragen. Facebook hat eine Form der Information eröffnet, die vorher in dieser Weise nicht möglich war, das macht auch (immer noch) den Charme aus. Auch dann, wenn man sich der negativen Seiten – zumindes teilweise – bewusst ist. Ein vergleichbares Medium fällt mir im Moment nicht ein. Instagram ist zu bildlastig – und irgendwie auch Facebook. Am Ende hängt es wohl davon ab, wo die Menschen hingehen, mit denen man auf FB verbunden ist und die einem wichtig sind.
    Die Form des Kontakthaltens, die FB ermöglicht, ist nicht zu unterschätzen. Sie ist auch mit dem „real life“ nicht immer möglich. Ich persönlich bin noch nicht so weit, von FB weg zu wollen, aber wenn ich dort diejenigen nicht mehr finde, die mir wichtig sind, hat es seinen Reiz verloren.

    • Stefanie Leo sagt

      Ich werde es auch erst einmal mit einer ausgedehnten Sommerpause versuchen. Es wird sich zeigen, was ich vermisse, welche Frage ich nicht mal eben in der Community stellen konnte. Werde ich trotzdem eine Antwort finden. Vielleicht ist noch bewussterer und weiter reduzierter Konsum die Antwort. Mal sehen …

  2. Ich liebe den Ausdruck „Social Müdia“! Und danke, dass auch du mich ständig inspirierst und zum Nachdenken bringst.
    Mir fällt auf, dass ich unbedingt einen Beitrag über Alternativen schreiben muss, denn an allem Feedback nicht nur bei mir sehe ich, dass doch viele Leute gar nicht wissen, dass es längst so etwas wie dezentrale Netzwerke gibt, die allerdings, ähnlich wie FB-Gruppen, thematisch sortiert – und sehr oft mit Real Life Treffen verbunden sind. Da muss ich mal noch recherchieren und dann einige vorstellen. Die GLS-Bank macht das mit dem eigenen Netzwerk auch.

    Ansonsten schlägt die Müdia bei mir seit der letzten Woche extrem zu. Während seriöse Medienleute diskutieren, ob man bestimmte, extrem schreckliche Fotos wirklich zeigen muss, klatschen sie mir FB-Freunde massiv in die Timeline, so nach dem Motto: Sei endlich geschockt!
    Ich rede mir den Mund vermittelnd fusslig, wenn Leute den Keil zwischen Menschen treiben wollen. Früher hat man sich vertragen, heute bekomme ich eins drauf dafür. Hochintelligente Menschen keifen sich gegenseitig unflätig an. Und da fällt mir auf: Ich mag eigentlich auch gar nicht wissen, was für ein keifendes Etwas jemand sein kann, der vielleicht morgen mein Kunde werden will. Mehr Geheimnis tut vielen Beziehungen zu anderen gut.

    Ich hab mal irgendwo gelesen, dass das menschliche Hirn recht wenige fremde, nur virtuell sichtbare Menschen auseinanderhalten kann. Vielleicht liegen auch da Ursachen von Entgleisungen? Ich bleib dran am Thema, danke für deinen Beitrag!

    • Stefanie Leo sagt

      Das mit den dezentralen Netzwerken interessiert mich sehr. Ob es die in der Form auch in Deutschland gibt? Ich bin auf die weiteren Beiträge der Mini-Reihe gespannt.

  3. Martina Bergmann sagt

    Ich antworte einfach auf Deine Fragen: Ich habe mich bei Facebook angemeldet, weil mir irgendwer gesagt hatte, mach das mal. Das war sechs Wochen nach Eröffnung der Buchhandlung, und es hat mir von Anfang an Spaß gemacht. Ich brauche Facebook, bis heute, zum Kommunizieren. Alles andere, der Werbeeffekt, die politischen Fragen, die nötigen und überflüssigen Streitereien: Nicht so wichtig. Aber mir wäre ohne Internet und speziell ohne Social Media langweilig in meinem Dorf. Die Grenzen von Facebook: Du siehst dort von mir privat fast nichts. Du siehst Bilder von Essen und Trinken und Büchern, aber nur ganz wenige Menschen, die nicht beruflich mit mir zu tun haben. Du siehst also an der Oberfläche eine inszenierte oder meinetwegen zensierte Figur. Die unterscheidet sich nicht sehr von mir selbst als natürlicher Person, aber du siehst eben nur, was ich will. Der zweite Punkt: Ich schalte sofort aus und weg, wenn einer pöbelt. Ich blockiere nicht sofort, aber ich entfreunde, wenn mir etwas dauerhaft missfällt. Das ist fast nie eine Meinung, sondern meist der Ton des Inhalts. Andersherum bin ich, obwohl man das als Einzelhändler angeblich vermeiden muss, politisch eindeutig. Also gegen die rechte Pöbelei, gegen Kleinlichkeit, für Vielfalt. Das passt Kunden nicht immer, aber ich glaube nicht, dass ich deswegen (signifikant) Umsatz verliere. Alles zusammen: Ich nutze Facebook eifrig, aber nicht naiv.

    • Stefanie Leo sagt

      Ja, ich habe Facebook auch immer augenzwinkernd als mein Großraumbüro bezeichnet. Für jemanden, der ja still und alleine Zuhause vor sich hin arbeitet, ein schöner Gedanke.
      Vielleicht muss ich mein Netzwerk lediglich den Veränderungen anpassen. Freunde, die vor 5 Jahren noch gepasst haben und jetzt nicht mehr, verlassen. Rigoroser gegen das vorgehen, was ich nicht sehen will. Vielleicht muss man es echt wie Pippi Langstrumpf halten und sich auf Facebook die Welt machen, wie sie einem gefällt. Den Rest, das weniger schöne, das was eben auch dazu gehört, kann man sich auf anderen Wegen (Zeitung, digital oder print) wohldosiert, von anständigen Journalisten recherchiert und nicht vom Algorithmus ausgewählt, beschaffen. Ja, vielleicht ist das ein Weg …

      • Martina Bergmann sagt

        Probier es mal. Ich sortiere immer wieder durch, und dann ist es auch in Ordnung.

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