Gedanken
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Nachgedacht: Alltagsrassismus

Morgens bei der Tasse Kaffee im Bett scrolle ich gerne durch die Timeline meiner verschiedenen Social Media Accounts. Dabei stolpere ich über ganz unterschiedliche Beiträge verschiedenster Autoren, und die Schlüsse, die Journalisten und Blogger bisweilen zu ganz ähnlichen Themen ziehen, sind hin und wieder doch recht konträr. Das macht das Netz für mich so spannend, denn wer unterschiedlichste Quellen heranzieht muss sich über kurz oder lang eben auch mit der eigenen Meinung auseinandersetzen und diese gegebenenfalls auf den Prüfstand stellen.

Gleich zweimal begegnete mir in den vergangenen Tagen die Journalistin Thembi Wolf, beides Mal mit Beiträgen bzw. einem Video, das auf der Plattform Bento.de erschien, die – wie mir das Über uns erklärt – das junge Angebot von SPIEGEL ONLINE ist und zeigt, was 18- bis 30-Jährige wirklich interessiert. Demnach bin ich also keine Zielgruppe mehr, aber natürlich nicht minder interessiert, schließlich will ich – gerade auch als Mutter der Zielgruppe – den Kontakt nicht verlieren.

Aber zurück zu Thembi Wolf. Hier ist der erste Beitrag den ich von ihr sah: Alltagsrassismus: Nein, du darfst meine Haare nicht anfassen. Und hier der zweite: Wenn ihr mit dem Fahrrad durch Afrika fahrt, lasst bitte die GoPro zu Hause. Und bitte, wer hier mitreden will, sollte sich auch die Zeit nehmen, beide Beiträge zu schauen/lesen.

Eines möchte ich gleich klarstellen. Ich kann nicht über Alltagsrassismus schreiben. Ich bin Jahrgang 70, weiße Christin aus Deutschland und in Deutschland lebend, die dem Mittelstand angehört. Meine einzige Schwäche, die man für zotige Witze oder Beleidigungen nutzen könnte, ist mein Frausein. Aber das ist ein anderes Thema. Deshalb überlegte ich auch eine Weile, ob ich meine Gedanken zu den Beiträgen überhaupt aufschreiben sollte. Ja, es sind Gedanken, und möglicherweise ist es ja auch gar nicht so uninteressant, was diese Mitvierzigerin denkt, denn wenn wir im Gespräch bleiben wollen, dann schadet es eben auch nicht, eine etwas andere Meinung zu hören.

Nein, du darfst meine Haare nicht anfassen

Kalt erwischt. Nicht, dass ich jemandem ungefragt über sein Haupt gestreichelt hätte, aber das Unbekannte wirft im Kopf Fragen auf. Unbekannt übrigens in Form von, habe ich selbst nicht, aber interessiert mich. In meinem Jahrgang beispielsweise tragen wenige Leute Dreadlocks. Klar kann ich googeln, wie diese entstehen oder wie sie gepflegt werden, aber kenne ich auch die Hintergründe des Trägers? Will sie oder er ein Statement abgeben oder ist es eben einfach nur eine schnöde Frisurentscheidung? Manchmal will ich einfach mehr wissen und frage nach. Ist das verwerflich oder gar rassistisch, nur weil ich selbst langweilige bin keine außergewöhnlichen Dinge zu bieten habe oder zumindest nicht für mein Umfeld?

Ganz klar: Einen anderen am Kopf zu berühren, gehört sich nicht, das hat für mich ganz klar mit Benehmen zu tun. Aber wäre dieses Interesse am anderen nicht umgekehrt auch da, wenn ich beispielsweise als weiße Frau in ein afrikanisches Land reisen oder dort leben würde? Und wie lange wäre ich  interessant und in den Augen der anderen anders? Vermutlich nur so lange bis alle Fragen gestellt und beantwortet wurden. Denn spätestens dann bin ich nicht mehr fremd.

Für mich ist Deutschland bunt. Vielleicht kommt hin und wieder ein neuer Farbton hinzu, der die Blicke zunächst auf sich zieht, aber irgendwann gehört er ganz selbstverständlich dazu. Für mich jedenfalls. Ich weiß, dass manche das anders sehen. Ich mag die Verschiedenheit von Kulturen und Religionen. Ich mag, dass nicht alles gleich ist. Und ich mag im Gespräch sein. Um selbst zu lernen und auch den anderen etwas zu geben.

Wenn ihr mit dem Fahrrad durch Afrika fahrt,
lasst bitte die GoPro zu Hause

Diesen Beitrag habe ich nicht wirklich verstanden. Im Untertitel lautet er: Wer erklärt den neuen Kolumbussen, dass sie nichts mehr entdecken müssen? Und Thembi Wolf wendet sich einem Kolumbus (Anselm Pahnke) direkt im ersten Absatz zu, der da lautet:

Seine Reise war ein „Abenteuer“, in der Wildnis, voller Gefahr, er habe „Afrika entdeckt“, sagte er in der Talkshow. Niemand erklärte ihm daraufhin, dass wir Afrika schon kennen.

Aber wer Reisen in den globalen Süden als „Abenteuer“ und „Entdeckungsreise“ feiert, bedient kolonialistische Klischees und den Topos des weißen Entdeckers.

Wie bitte? Ich kenne Afrika nicht, ich kenne ja noch nicht einmal alle Länder Europas, bereiste letztes Jahr – seit 1984 das zweite Mal – England und ging dort auf Entdeckungsreise. Denn ja, es gibt eine Menge zu entdecken, mehr als einem Bildbände oder Länder-Menschen-Abenteuer zeigen kann, denn das eigene Erleben und Empfinden, das mit allen Sinnen Aufnehmen von Land und Leuten ist eben noch einmal etwas anderes. Und wo bediene ich damit kolonialistische Klischees?

Für mich bedeutet Reisen – auch das Reisen in Deutschland – dass ich jenseits meiner vertrauten Umgebung neues oder eben auch anderes entdecke, alte Vorurteile abbaue (beispielsweise habe ich in England ganz vorzüglich gegessen!), mit alten Klischees aufräume und meinen Horizont erweitere. Ich sehe daran nichts Verwerfliches.

Aber vielleicht meint Thembi Wolf in ihren Beiträgen auch etwas anderes. Etwas, dass ich nicht sehe oder ihren Zeilen nicht entnehmen kann. Ich weiß, dass es durchaus schwierig ist, seinen Gedanken immer die richtigen Worte zu geben. Ging mir ja in diesem Beitrag nicht anders. Lasst mich an euren Gedanken gerne teilhaben.

Beitragsbild Pixabay: Ein passendes Beitragsbild zu finden war nicht einfach. Ich habe mich für das Schachbrett in schwarzweiß entschieden. Vielleicht, weil eben oft schwarzweiß gedacht wird, die Welt, ihre Menschen und Meinungen aber ganz bunt sind.

 

4 Kommentare

  1. Leider kann ich das Video nicht ansehen, daher beschränke ich mich hier auf den Reiseartikel.
    Ich verstehe den Artikel ein bisschen anders (vielleicht weil ich in die Zielgruppe falle? :D), ich glaube nicht dass die Autorin etwas gegen Bildung durch Reisen hat (so verstehe ich dich).
    Ich verstehe es eher als Kritik an diesem selbstüberschätzten und -verherrlichten „Ich bin dort gewesen und weiß jetzt genau wie es da ist“. Dazu ein Beispiel. Ich habe einen Bekannten, der mir 2015 tatsächlich sagte „ich war schonmal im Süden, das sind alles Kriminelle“ – schade nur, dass er in der Türkei war und über Syrer redete…. Als hätte man nach dem zweiwöchigen Thailand-Urlaub DEN Überblick über Land und Leute.
    Die beiden Aspekte die ich hier konkret aus dem Artikel lese sind
    A) Du reist als Tourist. Egal wie „nah du der Bevölkerung“ sein willst, als Deutscher hast du doch gewisse Privilegien die verhindern, dass du und die örtliche Bevölkerung komplett gleich sind. Diese Gleichheit zu erzwingen macht das Leid der Einheimischen lächerlich. Ich muss da immer an eine alte Dr. House Folge denken, Folge 2.4 „TB or not TB“.
    B) Man kann einen Kontinent oder ein Land, ja nichtmal eine Region oder Stadt nicht nach einigen Leuten oder einigen Tagen Dortsein bewerten oder kennen. Und doch wird es immer wieder versucht.

    Zusammen wirkt eine solche Reise mit entsprechendem Bericht dann, auf mich zumindest, wie Sensations- und Elendstourismus zur persönlichen Profilierung in irgendeiner Art. Und den mag ich auch nicht.

    • Ich kann Elli nur zustimmen und würde noch hinzufügen, dass die Zitate von Columbus bis Pahnke einfach sehr entlarvend sind – der weiße Mann sieht seit Jahrhunderten das „in Afrika“, was er sehen will und vergisst dabei gern, dass es „DAS Afrika“ gar nicht gibt. Mali, Ägypten, Ruanda – das alles sind Länder auf dem afrikanischen Kontinent so wie Rumänien, Portugal und England europäische Länder sind. Was würden wir Deutschen uns aufregen, wenn jemand diese drei Länder bereist hätte und behaupten würde, er wüsste nun alles über Europa – was ja häufig bei Amerikanern der Fall ist. Nur gibt es hier kein Machtgefälle wie bei weißen Reisenden in afrikanischen Ländern.

  2. Stefanie Leo sagt

    Liebe Elli, liebe Julia,

    ich danke euch für eure Kommentare, dennoch fragte ich mich, was sehen sie (also ihr), was lesen sie, was ich nicht sehe? Mir ging eine Regel der Kommunikation durch den Kopf: „Wahr ist nicht was “A” sagt, sondern was “B” versteht“. In dem Fall interessierte mich, was Pahnke in der Sendung bei Lanz nun wirklich gesagt hat, und was Wolf verstanden hat. Und ob dies dann tatsächlich dasselbe wäre. Im Grund gilt das ja auch für Wolfs Beitrag auf bento.de, den wir drei alle gelesen haben und doch unterschiedlich verstehen/interpretieren.

    Ich habe mich also heute hingesetzt und mir die Talkshow – jedenfalls den Teil, in dem Pahnke spricht – angeschaut. Zweimal. Ich habe mir das Zitat, auf das ich mich in meiner Kritik beziehe, beim Schauen neben mich gelegt. Da heißt es: „Seine Reise war ein „Abenteuer“, in der Wildnis, voller Gefahr, er habe „Afrika entdeckt“, sagte er in der Talkshow. Niemand erklärte ihm daraufhin, dass wir Afrika schon kennen. Aber wer Reisen in den globalen Süden als „Abenteuer“ und „Entdeckungsreise“ feiert, bedient kolonialistische Klischees und den Topos des weißen Entdeckers.“ Ich glaube schon, dass ich aufmerksam zugehört habe und die Worte „Afrika entdeckt“, „Abenteuer“ und „Entdeckungsreise“ fielen nicht. Das finde ich schon heftig, schließlich beginnt Wolf ihre Kritik mit diesen Zitaten als Einstieg. Überhaupt wirkte Pahnke auf mich sehr besonnen, überlegt, jemand, der schon seit Kindheitszeiten Afrika (ja, den Kontinent) erkunden wollte, der sogar Geophysik studierte. Und der vielleicht gar nicht ahnen konnte, dass dies eben auch eine Reise zu ihm selbst werden sollte.

    Dem Beitrag von Wolf konnte ich dann noch entnehmen, dass sie den Film bereits gesehen hat, ich hoffe sehr, dass es nicht nur der Trailer war. Den habe ich mir nämlich auch noch angeschaut. Und klar, hier hat sicherlich auch das Marketing für die eingesprochenen Zeilen ein Mitspracherecht, denn schließlich will man die Menschen ja auch ins Kino locken. Aber selbst diesen Zeilen entnehme ich nichts Despektierliches.

    Hören wir vielleicht manchmal das, was wir hören wollen? Auch ich spreche mich davon nicht frei, wenngleich ich doch versuche, meine GfK-Ausbildung gerade in solchen Momenten sinnvoll einzusetzen.

    Auf jeden Fall hat mich das alles (angefangen vom Lesen Wolfs Beitrags über das Bloggen und mit euch „sprechen“) sehr nachdenklich werden lassen. Mir wurde noch einmal bewusst, wie nötig es gerade heute ist, sich der Nutzung und der Kraft der Medien bewusst zu sein und vielleicht manchmal auch dem Erfolgsdruck, unter dem Journalisten und Redakteure stehen. Wie wichtig und letztlich auch zeitaufwändig es ist, den Sachen auf den Grund zu gehen.

    Steffi

    P.S. Hier der Link zu Lanz. Ab Minute 54 ist Pahnke zu sehen: https://youtu.be/bTpOEmukpH8

    • Julia sagt

      Wenn das Zitat frei erfunden ist, ist das natürlich krass und muss dann völlig neu bewertet werden. Ich versuche, mir das heute noch anzuschauen.
      Ich habe auch noch ein bisschen nachgedacht, vor allem darüber, warum es so schwer zu erklären ist und bin zu folgendem Ergebnis gekommen: Es ist ein Gefühl. (Da hast du recht mit A und B) Und dieses Gefühl hat man nur, wenn man regelmäßig mit Vorurteilen konfrontiert ist, unerklärbar für alle, die dieses Gefühl nicht kennen – vielleicht…

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