Der Alltag
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Einmal Stille hin und zurück

Das Leben ist schnell. Schnell und laut und voller – zum Teil unnötiger – Informationen. Wer versucht, ihrer Herr zu werden, wird gnadenlos scheitern. Wer es nicht schafft zu filtern, sich Inseln der Ruhe zu schaffen, der schultert eine unsichtbare Last, die täglich schwerer wird.

Eine Möglichkeit, sich innerlich aufzuräumen, kann die Stille bieten. Der Weg dorthin gleicht allerdings eher einem gewundenen Pfad, besonders wenn man wie ich eher zu der Sorte „kommunikativer Mensch“ gehört.

Ein erster Versuch

Mein erster Weg führte mich im Januar 2015 zu den buddhistischen Nonnen und Mönchen nach Waldbröl (hier mein Bericht). Dort bekam ich einen ersten Vorgeschmack auf Stille und Achtsamkeit. Allerdings ließ man uns mit dem, was Stille an Emotionen in einem hervorrufen kann, damals weitestgehend allein. Für jemanden ohne Vorerfahrung ein durchaus heikles Unterfangen.

Dennoch ließ mich der Achtsamkeitsgedanke nicht mehr los. Wie immer las ich viel, Bücher über Buddhismus, den Dalai Lama, den vietnamesischen Mönch Thích Nhất Hạnh, Gründer der buddhistischen Gemeinschaft „Plum Village“ und dem EIAB in Waldbröl, Lektüren mit dem Wort „Achtsamkeit“ in Titel oder Untertitel fanden sich auf meinem Nachttisch wieder.

Schließlich stolperte ich beim Lesen über einen zweiten Weg, der die christliche Mystik mit der Übung des Zazen (der gegenstandslosen Schweigemeditation des Zen-Buddhismus) verbindet. Sollte es hier eine Reise in die Stille geben, die meinen Hang zum Buddhismus idealerweise mit meinem christlichen Glauben verbindet?

Ich begab mich also auf die Suche nach christlicher Zen-Meditation und wurde im Netz fündig. Sowohl in der Erzabtei St. Martin zu Beuron als auch im Meditationshaus St. Franziskus in Dietfurt fand ich Kurse und auf beiden Webseiten stolperte ich über den Namen „Lassalle“ und somit auch über die Via Integralis, die zu meiner Freude auch eine Kontemplationsschule in Bonn unterhält.

Die Via Integralis verbindet eine Methode aus einem asiatischen religiösen Weg mit dem europäisch gewachsenen christlichen Weg, ohne beides zu vermischen. Das Zen wird mit einem für den westlichen Kulturkreis vereinfachtem Rahmen authentisch praktiziert. Die Rezitationen (Angelus Silesius) und Gebete kommen aus der christlichen Tradition. Die Verbindung von Zen und christlicher Mystik spricht viele Menschen an, die eine Verbindung aus dem Schatz der Erfahrungswege aus Asien mit den eigenen christlichen Wurzeln suchen.
Quelle: Via Integralis Bonn

Dieser Weg schien wie für mich gemacht. So setzte ich mich umgehend mit dem dortigen Kontemplationslehrer und Pastoralreferent in Verbindung und ergatterte schließlich einen der letzten Plätze für ein Kontemplationswochenende im Oktober. Voraussetzung zur Anmeldung war allerdings die vorherige Teilnahme am Informationsabend, an dem wir inhaltlich und praktisch angeleitet wurden. Aus meiner letzten Erfahrung sicherlich ein wichtiger Schritt, um festzustellen, ob diese Art der gestalt- und formlosen Meditation überhaupt für mich geeignet ist.

Trotz guter Vorbereitung überkamen mich dennoch immer wieder Zweifel. Was und wen würde ich vorfinden? Würde ich körperlich überhaupt in der Lage sein, bis zu sechs Stunden am Tag in Stille zu sitzen? Und wenn ja, würde ich es überhaupt schaffen, meinen oft vor Ideen sprudelnden Kopf leerer oder sogar leer zu bekommen?

Ein zweiter Versuch

„Muss ich eigentlich schon schweigen, wenn ich die Unterkunft betrete?“ ist eine der Fragen, die mir durch den Kopf schießt als ich mein Köfferchen den Weg zum Haus Marienhof in Königswinter hinter mir herziehe und wird auch direkt beantwortet als mich vor der Rezeption der erste Mit-Teilnehmer freundlich und sehr verbal begrüßt.

Das Abendessen findet ein letztes Mal mit anderen Besuchern des Hauses im großen Speisesaal statt, dem Sitznachbarn stellt man sich noch kurz vor, kleine Gespräche werden geführt, schließlich wird das Schweigen erst am späteren Abend mit Eintritt in den Meditationsraum beginnen.

Tiefe Gongschläge rufen uns nach Bezug unserer Zimmer schließlich in den mit Wollmatten, Sitzkissen (Zafu) oder Meditationsbänkchen hergerichteten Raum. Eine moderne Jesus-Ikone Die Dreifaltigkeitsikone von Hildegard von Bingen umrahmt von Kerze und Orchidee auf einem niedrigen Bänkchen bildet vor Kopf einen kleinen Altar, dem beim Eintreten in den Raum unsere erste Verneigung mit der im Zen charakterischen Handhaltung, dem sogenannten Gassho, gilt.

Noch oft werde ich mich an diesem Wochenende verneigen, vor meiner Reihe und zur gesamten Gruppe, vor dem Essen noch stehend hinter meinem Stuhl, nach dem Essen als Dank für selbiges und selbst vor und nach den zwei kurzen Schlägen mit dem Kyosaku auf meine nach den vielen Stunden des aufrechten Sitzens verspannten Schultern werde ich mich verneigen.

Die Gongschläge am großen Gong, die Klanghölzer, das Erklingen der Klangschale, meine Verneigungen, meine Handhaltungen, mein Sitz, mein Atem, all diese Rituale aus dem Zen-Buddhismus bilden einen wichtigen Rahmen, um meine innere Haltung zu finden und mich in der Kunst des Nichtdenkens zu üben. Uns Anfängern werden alle Abläufe noch einmal ausführlich erläutert und gezeigt, und selbst wenn uns Fehler unterlaufen, ist dies kein Problem. Übrigens entscheiden die Teilnehmer selbst (natürlich mit einer Verneigung), ob sie Schläge mit dem Kyosaku wünschen oder nicht.

Der Ablauf des Kontemplationswochenendes ist klar strukturiert. Fünf Minuten vor Beginn der Kontemplation sitzen wir alle bereits auf unseren Sitzkissen. Kurze Anweisungen weisen uns den Weg zum Essen, zu Pausen oder zu Einzelgesprächen. Alles ist geordnet und bis ins Detail organisiert, man merkt dem leitenden Ehepaar an, dass sie ein solches Wochenende nicht zum ersten Mal organisieren. Es braucht äußere Ordnung um innere Ordnung zu schaffen.

Wenn du sitzt, dann sitze,
wenn du gehst, dann gehe,
wenn du arbeitest, dann arbeite.
Das ist alles,
das ist Zen.
Aus dem Buddhismus

Bei der Kontemplation geht es nicht darum, sich tiefen zu entspannen. Ganz im Gegenteil, wir sitzen mit leicht geöffneten Augen im Lotussitz oder im Seiza, wir sind geerdet und gleichzeitig ganz aufrecht und versuchen im Hier und Jetzt zu sein. Das fällt schwer. Ich wende die Methode des Atem-Zählens an, einmal bis zehn und dann wieder neu starten. Selten komme ich über die zwei hinweg, schon fliegen mir die Gedankenwolken wieder um die Ohren. Wie gut, dass ich ein ganzes Wochenende habe, an dem vielleicht auch der letzte Gedanke irgendwann gedacht ist.

Kontemplation ist kein Spaziergang, aber es lohnt sich dran zu bleiben. Auch wenn ich an diesem Wochenende nur selten bis zehn zähle, hat sich die Erfahrung gelohnt. Stille gibt dem gesprochenen Wort mehr Gewicht und so sauge ich die Vorträge unseres Kontemplationslehrers über Johannes vom Kreuz und „Die dunkle Nacht“ förmlich auf. Bislang waren mir die Mystiker des Christentums und ihre zeitlosen lyrischen Werke gänzlich unbekannt. Umso überraschter bin ich, wie außerordentlich gut sie in unsere heutige Zeit passen. Da werde ich mich sicherlich noch ein wenig belesen müssen …

Nach knapp zehn Stunden Kontemplation endet unser Schweigen schließlich mit einer Abschlussrunde. Es ist schön, die Stimmen der anderen und ihre Gedanken zu hören. Ich bin dankbar, dass ich Teil dieser Gruppe sein durfte, dass mich meine Sitznachbarinnen durch die vielen Stunden des schweigenden Sitzens „getragen“ haben. Und ich freue mich schon auf den kommenden Mai, denn dann werde ich gleich fünf Tage in die Stille reisen.

Mein außerordentlicher Dank gilt Renate und Winfried für ihre Begleitung, in jeglicher Hinsicht. Danke liebe Stephanie, keine schlägt den Gong wie du. Und danke Frank „de la Cruz“, ohne dich hätte ich diesen Weg vermutlich erst gar nicht gefunden.


Das Foto – Titelbild dieses Beitrags – entstand ebenfalls am Kontemplationswochenende als ich in der ausgedehnten Mittagspause den hinter dem Haus gelegenen Oelberg bestieg und über das Siebengebirge blickte.

Beim Aufstieg wurde mir bewusst, wie schwierig es ist außerhalb unseres „geschützten“ Raumes nicht zu kommunizieren. Unweigerlich kam mir Paul Watzlawicks Zitat „Man kann nicht nicht kommunizieren“ in den Sinn als ich mit gesenktem Haupt an den anderen Wanderern vorbei lief, um mein verbales und non-verbales Schweigen durch ein Grüßen oder ein Nicken nicht zu brechen.

3 Kommentare

  1. Was für ein toller Beitrag und eine wunderbare Erfahrung für Dich. Die meisten Menschen haben Angst vor Stille, Konzantration auf eine Aufgabe und das hinein horchen in uns. Für mich sind es die langen stürmischen Spaziergänge, auch ohne Kameras … die ich mittlerweile sehr lange gehe, mit dem Wind-Salz-Meer.
    Liebe Grüsse Dani

  2. Hallo Steffi,
    mensch, das klingt nach einer außergewöhnlichen, interessanten, aber auch sehr tollen Erfahrung. Da bekomme ich ehrlich gesagt gleich Lust mich zu erkundigen, über sowas oder zumindest etwas ähnlichem in Richtung Ruhe & Achtsamkeit!
    Liebe Grüße aus Mittelfranken,
    Brösel

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