Familie, Flüchtlingshilfe, Heimat
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Als Mohammad bei den Leos einzog

Vor einigen Wochen erschien bei Spiegel Online unter dem Titel „Als Mohammad bei Heinrich einzog“ die Geschichte eines Hamburgers, der für vier Monate einer syrischen Familie in seinem Haus ein Zuhause gab.

Zu diesem Zeitpunkt lebte „unser“ Mohammad gerade mal zwei Wochen bei uns, aber schon damals überlegte ich, nach einer Weile ebenfalls über unser Zusammenleben zu berichten und deshalb wähle ich heute – in Anlehnung an obigen Artikel – dieselbe Überschrift.

Als Mohammad bei den Leos einzog

Für meinen Bericht muss ich sicherlich ein wenig ausholen. Hilfsbereitschaft, Offenheit, Aufgeschlossenheit und eine Portion Neugierde stecken in jedem von uns, aber ohne eine Familie (oder Freunde), die diese Eigenschaften vorlebt, werden diese Merkmale nach und nach verkümmern.

Ich hatte das große Glück in einer Familie aufzuwachsen, in der unter anderem auch diese Attribute gepflegt wurden, deshalb war es für mich vor gut einem Jahr auch völlig normal, etwas meiner freien Zeit in die Flüchtlingshilfe zu investieren. Und ich wähle hier bewusst nicht das negative Wort „opfern“, da ich nämlich für meine gut investierte Zeit als Belohnung jede Menge Wissen (vom BAMF-Bescheid bis zum Mietangebot, ich weiß jetzt so ziemlich alles  😉 ) und noch viel mehr Freundschaft erhalten habe.

Als es also darum ging, einem jungen Syrer aus der Klemme bzw. der durch Unkenntnis deutscher Bürokratie entstandenen Obdachlosigkeit zu helfen, erschien mir der Schritt, ihn in unserem Gästezimmer aufzunehmen, ein vergleichsweise kleiner. Dennoch musste dieser Schritt in der Familie besprochen werden – schließlich bin ich ja nur ein Fünftel selbiger – und Voraussetzung für Mohammads Aufnahme war eine Zustimmung aller Familienmitglieder.

Nach einem ersten Kennenlernen, einem zweiten gemütlichen Grillabend und dem Austausch darüber, wie ein Zusammenleben unter einem Dach aussehen und funktionieren könnte, hatten sich schließlich beide Seiten füreinander entschieden und so stand Mohammad – nur wenige Tage nach unserem ersten Treffen – mit seinem gesamten Hab und Gut, das in zwei Koffer passte, vor unserer Türe.

– integrare –
Lateinisch für „erneuern, ergänzen, geistig auffrischen“

Seit jenem Tag im August ist viel passiert. Die Integration ist in vollem Gange, auf beiden Seiten, wenn man die Übersetzung des Wortes integrare zugrunde legt.

Wir haben in diesen Wochen viel voneinander gelernt. Ich habe mich beispielsweise – und das sage ich als bibliophiler Mensch! – noch nie so intensiv mit meiner eigenen Sprache auseinandersetzen „müssen“ (Wo liegt der Unterschied zwischen Diele und Flur? Wann benutzt man das Wort sitzen, wann setzen?). Teilweise musste ich Antworten tatsächlich ergoogeln und erntete dafür hin und wieder ein verschmitztes Lächeln. An dieser Stelle deshalb: Danke Duden.de!

Auch über Religion tauschen wir uns aus (Wie feiert man Hochzeit als Moslem? Wer entscheidet, ob und wann eine Frau ein Kopftuch trägt?). Es ist einfach toll, wenn man ganz frei jede Frage stellen kann, die einem unter den Nägeln brennt und es bedeutet gleichzeitig auch, dass man den eigenen Glauben seit langem wieder einmal von allen Seiten beleuchtet. Ein wenig entdecke ich „mein“ Christentum gerade neu und das ist wirklich schön und auch wichtig.

Politische Gespräche finden ebenfalls statt und man wird sehr dankbar dafür, dass man zur rechten Zeit am richtigen Ort geboren wurde, dass man in einer Demokratie lebt, krankenversichert ist und vielleicht irgendwann einmal zumindest eine kleine Rente erhält. Alle diese Selbstverständlichkeiten, die für andere eben nicht selbstverständlich sind, bekommen plötzlich eine ganz andere Gewichtung.

Und last but not least hat die syrische Küche bei uns Einzug gehalten. Gelegentlich wabern fremde Düfte durchs Haus, fremdländische Zutaten lagern in den Schränken und tatsächlich ist der arabische Kaffee der einzige, den ich auch abends trinken und trotzdem anschließend wie ein kleines Kind schlafen kann.

Syrisch-deutsche Freundschaft

Zur Zeit sind wir auf Wohnungssuche, denn ein 8 qm-Zimmer kann nur eine Zwischenlösung sein. Es wird sich sicherlich komisch anfühlen, wenn Mohammad eines Tages ausziehen wird und sein Platz am Tisch leer bleibt. Aber soviel ist sicher, unsere Freundschaft wird nicht mit dem Auszug enden und wir werden uns immer gerne an die Zeit mit unserem syrischen Gast erinnern.

Ach ja, und um Integration muss ich mir eh keine Sorgen machen, denn als mir Mohammad in den ersten Tagen in unserer Familie kichernd ein Video zeigte, war es genau dieses:

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Das Titelbild zeigt übrigens einen Teil der Klebezettel, mit denen Mohammad Adjektive, Verben und sonstige Vokabeln lernt.

 

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2 Kommentare

  1. Esther sagt

    Es ist sehr charmant, dass das Foto der deutsch-arabischen Vokabeln gerade Ausdrücke betrifft, die besonders beim Kochen hilfreich sind

  2. Wunderbar! Klasse ! Ja wir kommen dahin uns neu zu HINTERfragen, Standpunkte in FRAGE ZU STELLEN… Integration auf beiden Seiten !
    Und Dankbarkeit- das lehrt mich mein Zusammensein mit Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Iran
    Denn man wird reich beschenkt
    Danke für deine Offenheit
    Liebe Grüße Sabine

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