Flüchtlingshilfe, Heimat
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Mein ganz persönliches „Wir schaffen das!“

Ein Jahr ist es her, dass Angela Merkel ihren berühmten Satz „Wir schaffen das!“ aussprach. Heute wird viel über diesen Satz diskutiert. Ob er spontan aus dem Bauch herauskam, werden wir wohl niemals erfahren. Und auch wenn uns Angela Merkel mit diesem Satz gleich einmal mit in die Verantwortung nahm, uns eine Bürde auferlegte, die aufgrund des jahrelangen Wegguckens ungleich schwerer ausfiel, war es doch ein Satz, den ich zum damaligen Zeitpunkt brauchte und an den ich auch ein Jahr später noch glaube.

„Wir schaffen das!“ – Wenn nicht wir, wer sonst?

Im bin Jahrgang 70 und in einer vergleichsweisen ruhigen Zeit aufgewachsen. Den linken Terror der Roten Armee Fraktion bekam ich als Kind nur unterschwellig mit, Gorbatschows Glasnost und Perestroika als Teenager dafür in vollem Umfang. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der vieles im Umbruch zum Guten war. Ich lebe in einer Demokratie, bin krankenversichert, trenne meinen Müll und in der Wupper vor meiner Haustür schwimmen sogar wieder Lachse. Ich führe ein schönes Leben, dafür habe ich nichts getan, ich wurde einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort geboren.

Meine Eltern sind Jahrgang 38 und 39, ihre Geburtsorte liegen an der Ostsee bei Danzig und in Oberschlesien, heute Polen. Auch sie waren Flüchtlinge, Binnenflüchtlinge, ungeliebte Flüchtlinge. Obwohl sie dieselbe Sprache sprachen und denselben Gott anbeteten waren sie nicht willkommen, dafür hatten die, die sie aufnehmen sollten selbst zu wenig. Irgendwie geklappt hat es trotzdem. – Und heute? – Heute kann es auch klappen!

Im vergangenen Dezember schrieb ich in einem Beitrag u.a. „Zeiten ändern sich und mit ihnen eben auch die Menschen. Veränderungen bringen auch immer Chancen mit sich und ich bin der festen Überzeugung, dass wir es in der Hand haben, diesen Wandel positiv mitzugestalten. Jeder so wie er kann und mag, das Ziel fest im Visier.“
Das „Jeder so wie er kann“ finde ich besonders wichtig. Der eine hat vielleicht nicht viel Zeit, dafür aber eine Wohnung, die er eben auch an Flüchtlinge vermieten kann, der andere hat Zeit, die er für ein ehrenamtliches Engagement nutzt. Es sind die kleinen Dinge, die sich summieren und uns diese besondere Herausforderung  schaffen lassen.

„Wenn du mehr hast, als du brauchst, bau keinen höheren Zaun, sondern einen größeren Tisch!“

Bereits ein Jahr nutze ich das, was ich zu geben habe, für die Flüchtlingshilfe: Zeit. In dieser Zeit habe ich unzählige Menschen zahlloser Nationen kennengelernt, aber ebenso viele Solinger, die sich auf vielfältige Weise engagieren. Meine Heimatstadt ist irgendwie ein wenig zusammen gerückt und das ist ein wirklich schöner Nebeneffekt.

Und auch meine Familie ist in der vergangenen Woche zusammengerückt. In unser Gästezimmer, das schon Autoren beherbergte, ist Mohammad gezogen. Für uns ist es ein vergleichsweise kleiner Schritt, für den jungen Mann aus Damaskus ein großer auf dem Weg in eine hoffentlich friedliche Zukunft. Wir freuen uns und sind dankbar, ihn ein stückweit auf diesem Weg zu begleiten. Gemeinsam werden wir das schon schaffen!

Foto: Pixabay

3 Kommentare

  1. Liebe Stefanie,
    einen tollen Beitrag hast Du geschrieben, auch durch den Vergleich zu den Eltern, der doch deutlich macht, dass viele hier leben, in deren Familien es ja auch ganz ähnliche Fluchterfahrungen gibt, wie bei denen, die heute ihre Heimat verlieren. Und den Schritt, einen fremden Menschen zu Hause aufzunehmen und ihm zur Seite zu stehen bei seinem Weg in die neue Heimat, den finde ich sowieso mehr als bewundernswert.
    Viele Grüße die Wupper entlang, Claudia

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