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Alles hat seine Zeit … auch manche Bücher

In der Bibel heißt es: „Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit.“ An diesen Text im Buch Koholet musste ich unwillkürlich denken, als ich Frank Berzbachs „Die Kunst ein kreatives Leben zu führen“ las.

Im Jahr 2013 erschien das Buch des Kölners im Mainzer Verlag Hermann Schmidt und wurde bereits damals in allen Medien – allen voran den digitalen – hoch und runter gelobt. Doch es mussten drei Jahre und sieben! weitere Auflagen vergehen, bis Berzbachs Werk es auch auf meinen Nachttisch schaffte.

Schon im zweiten Halbjahr des vergangenen Jahres war absehbar, dass 2016 in vielerlei Hinsicht ein Jahr der Umbrüche werden würde und irgendwie erschien mir jetzt der richtige Zeitpunkt zu sein, mich mit einem Buch zu beschäftigen, dessen Untertitel „Anregung zu Achtsamkeit“ lautet.

Anregung zu Achtsamkeit

Schon lange beschäftigen mich die Weltreligionen, allen voran meine eigene – das Christentum – aber auch die Achtsamkeit, die ein zentrales Element des achtfachen Pfades der buddhistischen Lehre und Teil der Meditation ist, übte immer schon eine große Faszination auf mich aus. Die spirituelle Autobiogafie des Dalai Lama hat mich zutiefst beeindruckt, ebenso die Bücher des vietnamesischen Mönchs Thích Nhất Hạnh, in dessen Kloster in Waldbröl ich sogar ein Wochenende in Achtsamkeit verbrachte.

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Was würde mir also Berzbach in seinem Werk verraten, was ich nicht eh schon wusste?

Wie wollen wir leben?

Frank Berzbach würden viele von uns vermutlich als „typischen Kreativen“ bezeichnen. Er hat Pädagogik, Psychologie und Literaturwissenschaft studiert, war zwischenzeitlich auch als Fahrradkurier unterwegs und unterrichtet derzeit Psychologie und Kulturpädagogik an der ecosign und der Fachhochschule in Köln. Er ist also weder buddhistischer Mönch, noch Zen-Meister, er ist ein Kreativer und so wendet er sich in seinem Buch an Menschen, die ein kreatives Leben führen wollen, oder eben an solche, die als Künstler und Selbstständige eben genau ein solches bereits führen.

berzbach3Übrigens darf man den Klappentext keinesfalls falsch verstehen, da man sich selbst vielleicht eher zu den „normalen Menschen“ zählt. Kreativität ist in meinen Augen nicht nur den kreativen Berufen, wie beispielsweise Illustrator oder Schriftsteller, vorbehalten. Sie schlummert in vielen Lebens- und Arbeitsbereichen. Mich hat der Klappentext also durchaus angesprochen und ich wurde nicht enttäuscht.

In sechs Kapiteln nimmt der Autor den Leser mit auf eine Reise an die unterschiedlichsten Arbeitsplätze kreativer Menschen, zeigt Probleme auf, die zunehmend auch  durch moderne Arbeitsweisen oder gesellschaftliche Veränderungen entstehen, und bietet mögliche Lösungswege an. Dabei zitiert er zahlreiche Werke verschiedenster Autoren (zu finden im umfangreichen Literaturverzeichnis), so dass man im Anschluss gleich am Thema bleiben kann.

Ein gutes Buch bringt etwas in Bewegung

Für mich ist ein gutes Buch ein solches, das in mir etwas in Bewegung setzt. Das kann bei belletristischen Titeln ebenso gelingen, wie bei Ratgebern oder Sachbüchern. Und Berzbach hat mit seinem Buch, das ich als Ratgeber mit hohem Sachbuchcharakter bezeichnen möchte, genau das geschafft.

Viele von Berzbachs aufgestellten Thesen konnte ich nickend bestätigen. So fühlte ich mich im Kapitel „Frustration als Treibstoff“ ertappt, wie auch ich in viele Situationen meines Lebens einfach zu viel hinein interpretiere. Zukünftig möchte ich versuchen Ereignisse nicht vorschnell zu bewerten und mehr nach dem Spruch „Wer weiß, wofür es gut ist“ zu leben.

Vergangene Woche habe ich sechs Stunden lang mein Büro ausgemistet, mich von Büchern befreit und Altlasten entsorgt, denn – so habe ich es ge(lesen)lernt – aus buddhistischer Sicht beginnt jegliche Veränderung im Leben mit der Reinigung! Und ich kann nur bestätigen, das Büro zu reinigen, bedeutete auch irgendwie meinen Geist zu reinigen.

Zudem möchte ich meine morgendliche Meditationszeit im Anschluss an meine Yogaübungen Schritt für Schritt erhöhen und die langgehegte Überlegung, zum Schweigen in ein Kloster zu gehen, nimmt nach der Lektüre des Buches plötzlich Formen an, zumal ich zu meiner Freude feststellen konnte, dass viele christliche Kloster die Schweigeexerzitien mittlerweile durchaus mit der Zen-Meditation verbinden.

Und last but not least wird vermutlich neben meinem heißgeliebten Kaffee nun doch gelegentlich eine Teezeremonie Einzug bei mir halten.

Danke lieber Frank Berzbach für ein Buch, das mich zur rechten Zeit erreicht hat.


Das liebevoll gestaltete Buch (hier könnt ihr auch einen Blick hineinwerfen) ist beim Verlag Hermann Schmidt erschienen und wirklich jeden Cent wert. Selbst das Vorwort der Verleger zur Entstehung ist mehr als lesenswert.

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für diese Buchbesprechung der anderen Art. Ich hatte das Buch auch schon mehrfach am Messestand von Hermann Schmidt in der Hand, habe mich jedes Mal dafür begeistert und es mir doch nie gekauft. Soeben habe ich von dir gelernt, dass es wohl noch nicht die richtige Zeit für uns war und dass das okay ist. Alles hat seine Zeit. Danke auch für diese Erinnerung.

  2. Pingback: Ich bin ein offenes Buch - Lesen // Leben // Lachen

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