Flüchtlingshilfe
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Ein offener Brief

Liebe Frau Merkel, liebe Frau Kraft, lieber Herr Kurzbach,

Sie kennen mich nicht, aber diejenigen, die mich kennen, wissen, dass ich ein durch und durch positiver Mensch bin, ein „Kopf hoch“-Typ von der Sorte „Das schaffen wir!“. Doch heute beschleicht mich das erste Mal ein klammes Gefühl, es kriecht mir den Rücken rauf, will von mir Besitz ergreifen. Ich bin nicht vorbereitet, hatte nicht erwartet, dass Angst bei mir eine Chance haben könnte.

Wie konnte es dazu kommen? Schließlich bin ich doch von offenen, hilfsbereiten Menschen, die sich in diesen herausfordernden Zeiten mit all ihrer Kraft für ein buntes, weltoffenes Deutschland einsetzen, umgeben. Wieso also erstmals diese kalte Hand auf meiner Schulter?

Da ist sicher zum einen der ungläubige Blick nach Brüssel. Ich bin zutiefst schockiert von einem Europa, dem es zwar 70 Jahre nach Kriegsende besser geht denn je, das aber seine Menschlichkeit in diesen Jahrzehnten verloren zu haben scheint und anstatt gemeinsam zu handeln, Zäune errichtet. Da wird der vielbeschworene europäische Gedanke innerhalb kürzester Zeit zur Farce. Die europäische Politik taumelt und die deutsche gleich mit ihr. Wie um alles in der Welt konnten Sie in Berlin, Düsseldorf und Solingen die Zeichen so verkennen?

Seit Monaten ist „Wir schaffen das!“ mein Leitspruch, den ich voller Überzeugung vor mir hertrage und mit mir unzählige Vollzeitkräfte und ehrenamtliche Helfer, die in ihrer Arbeits- und Freizeit dafür Sorge tragen, dass den Flüchtlingen neben den elementaren Lebensgrundlagen auch Menschlichkeit widerfährt. Aber all das kann nur funktionieren, wenn auch die Politik funktioniert, an einem Strang zieht und nicht Nährboden für die verunsicherte bürgerliche Mitte bietet, die demjenigen hinterher läuft, der am lautesten brüllt.

Die Politiker sind gefragt, Lösungen zu finden, vielleicht unpopuläre Entscheidungen zu treffen, aber eben auch den Kontakt mit den „schwankenden“ Bürgern zu suchen, nicht jeden abzuurteilen, der fragt, wie wir das alles schaffen sollen. Denn vielleicht sind viele, ja möglicherweise die meisten von ihnen einfach nur Menschen, denen wie mir ein klammes Gefühl den Rücken hinauf kriecht, und deren Mantra „Wir schaffen das!“ einfach nicht mehr funktioniert.

Gestern zogen die Kraniche über mein Zuhause hinweg. Wehmütig schaute ich ihnen auf ihrem Weg nach Süden nach. Im Frühjahr werden sie zurückkehren. Europa wird dann nicht mehr dasselbe sein, Deutschland wird sich verändert haben. Hoffentlich zum Guten …

Ich vertraue auf Sie, enttäuschen Sie mich nicht.

 

Foto: Anja Osenberg via pixabay.com

2 Kommentare

  1. In der aktuellen Ausgabe des Freitag gab es zwei sehr informative Artikel genau zu diesem Thema: einer beschäftigt sich mit der zunehmenden Überforderung der Kommunen, denen immer mehr Flüchtlinge zugewiesen werden, ohne das eine Rücksprache über Unterbringungsmöglichkeiten stattfindet. Nachvollziehbar, dass sich da Unmut regt.

    Im anderen geht es genau um das ‚Wir schaffen das‘; der Artikel bietet Lösungsansätze, wie es gelingen kann, eben auch die Angst/Wut/Besorgte Bürger einzubinden. Es werden Parallelen gezogen zur Nachkriegszeit und deutlich darauf hingewiesen, dass die gewählten Vertreter des Volkes eben nicht einfach nur zusehen, es aussitzen (merkeln) können, sondern dass hier Aktion gefragt ist.
    Leider noch nicht online nachlesbar… (vielleicht in Kürze, hier S.6 https://www.freitag.de/ausgaben/4315)

    Danke für deinen offenen Brief. Unterschrieben.

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