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Juli 2010: „Social Media: Den ganzen Tag nur twittern?“

Im Juli 2010 erschien auf buchpfade.de (Die Webseite gibt es leider nicht mehr.) folgendes Interview, das ich damals als Bloggerin für Lovelybooks führte.

Social Media: Den ganzen Tag nur twittern?

Laut einer Umfrage haben rund ein Drittel der deutschen Unternehmen bereits eine Social-Media-Strategie. Darunter fällt natürlich auch die Verlagswelt, die sich mitunter schon sehr aktiv auf dem Web2.0-Parkett präsentiert. Einige Verlage sind sogar einen Schritt weiter gegangen und haben neue Positionen in ihren Presseabteilungen geschaffen. Dort beschäftigen sich nun unter dem Begriff “Redakteur Social Media” oder “Online-PR-Referentin” junge Verlagsmenschen mit Twitter, Facebook und Co.

Aber wer verbirgt sich eigentlich nun hinter seinem Avatar und dem Twitter-Namen @bastei_luebbe, @hanserliteratur, @KnaurVerlag oder @eichbornverlag? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen und die Mär vom ausschließlich twitternden SocialMedia-Redakteur aus der Welt zu schaffen, habe ich in vier verschiedenen Verlagen nachgefragt.

 

@bastei_luebbe: Ich heiße Tina Pfeifer und arbeite als Online-PR-Referentin bei Bastei Lübbe.
@hanserliteratur: Nina Reddemann und ninare und das in einer Person. Ich arbeite bei den Hanser Literaturverlagen.
@KnaurVerlag: Mein Name ist Patricia Keßler. Ich bin Pressereferentin in der Verlagsgruppe Droemer Knaur. Dort betreue ich die Belletristik im Knaur Hardcover- und Taschenbuchprogramm sowie PAN – die Phantastische Jugendunterhaltung.
@eichbornverlag: Ich bin Dominique Pleimling und beim Eichborn Verlag unter anderem für den Twitter- und den Facebook-Account zuständig. Also @eichbornverlag beziehungsweise Facebook.com/eichborn.

Welches sind Ihre Hauptaufgaben im Verlag?

@bastei_luebbe: Zum einen kümmere ich mich um die wachsenden Online-Redaktionen. Viele existieren und arbeiten ja mittlerweile völlig unabhängig vom Printprodukt und so haben sich auch die Zusammenarbeitsanforderungen verändert. Das Online-Geschäft läuft im Gegensatz zum Print-Geschäft ja häufig doch in anderen Rhythmen: Es gibt keine wochenlangen Vorlaufzeiten, die Redakteure sind allesamt nicht so Ressortgebunden usw. Darüber hinaus versuche ich die Kontakte zu Bloggern und Communities auszubauen, da auch die in den letzten Jahren für uns als Verlag immer wichtiger geworden sind. Des Weiteren bin ich für den Pressenewsletter sowie für den Pressebereich auf unserer Website verantwortlich. Dort stelle ich den Journalisten – neben dem klassischen Downloadmaterial wie Cover, Autorenfotos, Hörproben usw. – zusätzlich Autoreninterviews, Pressemitteilungen usw. zur Verfügung. Hinzu kommt die enge Zusammenarbeit mit den Autoren und externen Agenturen, um außergewöhnliche Online-PR-Strategien umzusetzen.
@hanserliteratur: Ich bin bei Hanser unter anderem für den Bereich Social Media, das Onlinemarketing und die Betreuung der Internetseiten zuständig. (siehe auch Interview auf Ich mach was mit Büchern)
@KnaurVerlag: Neben dem ständigen Kontakt zu Journalisten, Autoren und interessierten Lesern gehö­ren zur Presse- und Öffentlichkeitsarbeit alle Aufgaben, die zur Präsentation unserer Bücher in den Medien beitragen: Wie der Versand von Programmvorschauen, Rezen­sions­­exemplaren und Pressematerial. Wir stellen zudem den Kontakt zwischen Medien/Journa­listen und Autoren her, akquirieren Interviews, sorgen für Veranstaltungs­an­kündigungen und Berichte, wenn Autoren auf Lesereise gehen, organisieren Presse­reisen zu ausgewählten Titeln und begleiten auch zu Autoren zu Presseterminen.
@eichbornverlag: Ich arbeite in der Presseabteilung und mache klassische Pressearbeit für unsere Bücher und Autoren, außerdem betreue ich – wie schon gesagt – die Social Media Kanäle und arbeite allgemein an verschiedenen Online-Projekten für Eichborn.

Können Sie uns einen kurzen Einblick in den Ablauf Ihres Arbeitstages geben?

@bastei_luebbe: Der sieht erfreulicherweise jeden Tag ganz unterschiedlich aus. Natürlich mache ich viel auf den Onlinebereich zugeschnittene Pressearbeit. Ich versuche also tagtäglich unsere Bücher und Autoren in den Onlinemedien unterzubringen, deshalb habe ich viel Kontakt zu Journalisten, Bloggern und Autoren. Darüber hinaus arbeitet man gerade im Pressebereich mit vielen anderen Abteilungen im Haus eng zusammen, da wir auf viele Informationen angewiesen sind, um eine einwandfreie Kommunikation nach Außen zu gewährleisten. Und dann haben natürlich unsere verschiedenen Social-Media-Kanäle (Twitter, youtube, flickr & Co.) mittlerweile einen Großteil meines Arbeitalltags eingenommen.
@hanserliteratur: Ich starte jeden Tag mit E-Mails und dem Monitoring. Dann können Planungen für neue Onlineprojekte anstehen, die Aktualisierungen der Internetseiten und unsere Autorenspecials, neue Werbeschaltungen, Newsletter etc. Twitter und Facebook laufen immer im Hintergrund und werden genutzt, wenn wir Neues zu melden haben.
@KnaurVerlag: Das kommt ganz auf den Tag an, es kommt nämlich meist alles ganz anders, als man denkt. Ein Arbeitstag in der Presse ist wenig planbar. Ich habe zwar immer meine tägliche To do-Liste, aber die Anfragen, die ggf. von außen kommen und den persön­lichen Zeitplan komplett durcheinanderbringen können, kann man nicht einschätzen. Vor den Buchmessen Frankfurt und Leipzig hat man natürlich besonders viel zu tun: Termine vereinbaren, Interviews und Lesetermine für die Autoren organisieren, etc. Einen Job „nine to five“, den gibt’s in der Presse nicht – und mit den neuen Kommunikations­kanälen wie Twitter oder Facebook schon mal gar nicht. Da muss man sich auch ab und zu am Abend oder am Wochenende die Zeit nehmen, um Fragen zu beantworten, News zu Büchern und Autoren zu twittern oder Interessantes zu retweeten. Das gehört einfach dazu.
@eichbornverlag: Morgens schaue ich zuerst in mein Postfach und in die Twitter- und Facebook-Accounts und beantworte Fragen etc. Wenn Journalisten anrufen, helfe ich natürlich auch gerne weiter und verschicke Cover, Autorenfotos, Pressetexte etc. Für unsere Neuerscheinungen versuche ich Rezensenten zu finden und kontaktiere dazu bestimmte Medienleute, verfasse Pressetexte usw. Alle paar Stunden schaue ich nach, ob sich bei Twitter/Facebook etwas tut oder poste selbst etwas – entweder tagesaktuell oder parallel zu Erscheinungsterminen oder Ähnlichem.

Was glauben Sie, wieviel Zeit Sie pro Tag für Twitter aufwenden?

@bastei_luebbe: Da ich es den ganzen Tag nebenher “laufen” habe, zusammengerechnet sicherlich zwei Stunden.
@hanserliteratur: Ca. eine halbe Stunde, an manchen Tagen mehr und an anderen Tagen weniger. Das heißt nicht, dass ich eine halbe Stunde am Tag twittere, dazu zählt auch das Monitoring.
@KnaurVerlag: Im Moment schätzungsweise 15 – 20 Minuten. Aber auch hier ist das tagesabhängig. Es gibt auch Tage, da kommt man nicht dazu, weil andere Dinge Priorität – oder einfach auch weil es keine relevanten News gibt.
@eichbornverlag: Beruflich und privat kann ich bei Twitter schwer trennen: Zusammengenommen bestimmt ein bis zwei Stunden am Tag (manchmal will man nur mal kurz in die Timeline schauen und bleibt dann doch hängen, hangelt sich von Tweet zu Tweet zu Website zu Blog …)

Könnten Sie sich für Ihren Verlag – soweit noch nicht geschehen – eine Ausweitung auf weitere SocialMedia-Kanäle vorstellen?

@bastei_luebbe: In jedem Fall werden wir uns immer weiterentwickeln müssen. Wir müssen dahin gehen, wo unsere Kunden sind, um zu hören, was sie interessiert, was sie sich wünschen usw. Der direkte Kontakt zum Kunden ist ja das Schöne an den Social-Media-Kanälen. Früher gab es ausschließlich diesen einen Weg zum Kunden: Der Verlag hat seine Vertreter informiert, die Vertreter den Buchhandel und der dann die Kunden. Dieser Weg ist immer noch genauso wichtig, doch über Social Media haben wir eine wunderbare Zusatzmöglichkeit auf den Kunden einzugehen.
@hanserliteratur: Kann ich mir vorstellen und wurde auch bereits umgesetzt. Wir sind auf Facebook mit einer eigenen Seite vertreten und posten hier ähnliche Meldungen wie auf Twitter. Links zu Artikeln, einen Blick vorab auf das Design eines neuen Autorenspecials, Fotos von Lesungen etc. Auf YouTube haben wir einen eigenen YouTube-Kanal eingerichtet. Die Videos dort dürfen über den embedded code auch für Rezensionen verwendet werden. Zu finden sind hier Lesungsvideos und Interviews mit Autoren wie z. B. Annika Reich, Henning Mankell, Daniel Glattauer oder Arno Geiger. Den Überblick über all unsere Aktivitäten bekommt man in unserem Social Media Room.
@KnaurVerlag: Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Aber man muss schauen, was für den jeweiligen Verlag sinnvoll ist. Einfach nur dabei sein, reicht meines Erachtens nicht aus und funktioniert auf Dauer auch nicht. Die Verlage sollten sich sehr genau überlegen, welche Socialmedia-Kanäle zu ihrem Unternehmen und ihrem Verlagsprogramm passen. Für die einen ist Facebook sinnvoll, für die anderen ist eine Community / ein Forum oder Youtube besser geeignet. Ich denke, eine endgültige oder richtige Strategie gibt es nie, man muss sich sozusagen immer wieder neu erfinden.
@eichbornverlag: Facebook und YouTube machen wir schon (YouTube betreut mein Kollege Stefan Lutterbüse). Wenn sich ein neues großes oder auch einfach nur spannendes/gut gemachtes Netzwerk etabliert, kann ich mir gut vorstellen, auch dort für Eichborn aktiv zu werden. Aktuell finde ich die Entwicklung von Location Based Services wie Foursquare oder Gowalla interessant und denke darüber nach, wie man das nutzen könnte. Oder auch, wie ein gutes, also lesenswertes Verlagsblog aussehen könnte.

Was gefällt Ihnen an der Kommunikation per Twitter besonders?

@bastei_luebbe: Twitter ist schnell, kurz und dennoch informativ. Was will man mehr!
@hanserliteratur: Twitter ist Echtzeitkommunikation mit unseren Kunden. Man bekommt schnell Informationen und Feedback, muss aber natürlich auch selbst schnell reagieren.
@KnaurVerlag: Besonders die vielen netten Kontakte, die sich aus dieser Art der Kommunikation ergeben haben. Und der direkte Kontakt zum Leser, zu Medien und anderen Buchinteressierten, weil man auf Fragen oder auch auf Kritik via Twitter viel schneller reagieren kann. Aus Pressesicht fasziniert mich, dass man mit nur 140 Zeichen tatsächlich PR machen kann. Das hätte ich vor einigen Jahren nicht geglaubt. Aber allein „social“ im Netz unterwegs zu sein, reicht natürlich nicht aus. Die Mischung aus klassischer Pressearbeit und neuen Kommunikationskanälen, das ist das Spannende. Grundsätzlich aber bin ich der Meinung, dass man Twittern mögen muss, um es im Job „professionell“ zu betreiben. Wer nichts damit anfangen kann, sollte sich auch nicht dazu zwingen. Mir jedenfalls gefällt’s – ganz nach dem Motto: „Sind wir nicht alle ein bisschen social?“
@eichbornverlag: Schnell und aktuell, teilweise sehr informativ, teilweise hochkomisch, entwickelt immer wieder eine eigene Dynamik, man muss sich kurz fassen können, man muss jemanden in 140 Zeichen packen können.

Für die Beantwortung der Fragen möchte ich mich herzlich bedanken bei Tina Pfeifer, Nina Reddemann, Patricia Keßler und Dominique Pleimling

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